Was mich beschäftigt

Ich bin Asylpfarrerin und arbeite mit Menschen, die eine oft lange und traumatisierende Flucht hinter sich haben. Menschen, die mitansehen mussten, wie ihre Lieben in der Wüste entkräftet gestorben oder im Meer ertrunken sind. Menschen, die Vergewaltigung, Folter und Entmenschlichung erlebt haben. Nicht nur in ihren Heimatländern, sondern auch auf den langen und beschwerlichen Fluchtwegen. Es werden immer mehr, die sich solchen Zuständen aussetzen – genauer gesagt: Aussetzen müssen. Denn Klimawandel, Kriege um Rohstoffe, eine ökonomisch immer größer werdende Schieflage in dieser Welt und auch die Auswirkungen der Pandemie entziehen immer mehr Menschen die Lebensgrundlage in ihrem Heimatland. Mich beschäftigt, dass dies so ist. Und ich frage mich, wie es möglich ist, dass wir ein leises Gespür dafür bekommen können, was Geflüchtete tatsächlich erlebt haben und warum sie diese Wege auf sich nehmen. Wir sehen von außen, was ist. Oftmals dringen die Geschichten aus dem Innersten dieser Menschen aber nicht nach außen. Weil vieles schwer in Worte zu fassen ist. Weil manches unsagbar ist. Geschichten, die Menschen die Nächte rauben, sie nicht mehr schlafen lassen, ihnen Albträume verschaffen. Es sind Geschichten, die eigentlich einen Ort bräuchten. Sorgsam miteinander angeschaut werden müssten, damit Heilung geschehen kann.  Mich beschäftigt, wie wir solche Orte schaffen können. Gerade in diesen unseren Zeiten, in denen viele Menschen auch in unserem Land nicht mehr wissen, wie es für sie weitergehen wird. Die ebenfalls nicht schlafen können, weil sie nicht wissen, was das Morgen bringt. Ich mache mir Sorgen darum, dass der Umgang mit diesem Virus uns auf Dauer die Grundlage einer solidarischen Kultur entzieht. Wir müssen sehr vorsichtig sein, damit wir mit uns selbst und den Auswirkungen dieser Pandemie auf Dauer nicht SO beschäftigt sind, dass wir den Blick über den Tellerrand schlichtweg nicht mehr schaffen. Ich habe Angst davor, dass die Welt durch dieses Virus noch weiter auseinanderfällt in Arm und Reich. In unserem Land, aber auch in dieser ganzen Welt.

Darf das sein? Was können wir dagegen tun? Beziehungsweise, was können wir füreinander tun, damit deutlich ist: Wir leben in EINER Welt. Einer Welt, die miteinander zusammenhängt. Die Pandemie hat uns deutlich gezeigt, dass das Virus an keiner Grenze Halt macht. Mich beschäftigt, wie die Menschheit mit dieser großen Frage der Solidarität in der Zukunft umgehen wird und ich glaube, dass wir als Kirche in der Zukunft noch konsequenter mit denen mitgehen sollten, die alleine nicht mehr weiter kommen.  

Mit denen, die es hier alleine nicht schaffen, aber auch mit denen an den Außengrenzen und an vielen anderen Orten dieser Welt.