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Unemschliche Zustände in Moria

Dr. Martin Binder ist Reutlinger Arzt im Ruhestand, er war dieses Jahr mehrere Monate auf Lesbos und hat im Lager Moria Hilfe geleistet. Vor wenigen Tagen berichtete er im Rahmen der Interkulturellen Woche über seine Arbeit in Moria in der Heilig-Geist-Kirche

Asylpfarrerin Ines Fischer hat einen Text dazu geschrieben:

Am 13.Oktober begrüßte Herr Müller-Nübling vom Asyl-Café Heilig Geist die über 40 Zuhörenden im weiträumigen Kirchenraum der Heilig-Geist Kirche zur letzte Veranstaltung der diesjährigen Interkulturellen Woche.  Dr. Martin Binder war an diesem Abend der Hauptreferent der Veranstaltung, die vom Asylcafe Heilig Geist, dem Asylpfarramt, der Evangelischen Bildung, der Seebrücke und der Caritas organisiert wurde. Binder berichtete über sein Engagement für Geflüchtete auf den Griechischen Inseln. Nach langen Jahren als praktizierender Allgemeinarzt in Reutlingen entschied er sich nach seinem Ruhestand für einen Einsatz bei medical volunteers international. Dazu brach er im Februar 2020 zu einem geplant mehrwöchigen Einsatz auf die griechischen Inseln auf.  Dass daraus dann mehrere Monate wurden, war zu Beginn nicht absehbar. Eindrücklich schilderte Binder die menschenunwürdigen Zustände in verschiedenen griechischen Lagern  - vorwiegend war sein Einsatz im Lager Moria. Was die Essensversorgung betraf, „würde man das keinem Tier zumuten“. Binder betonte, dass die griechische Bevölkerung lange Zeit mitgeholfen habe. Als die griechische Regierung, die ursprünglich mit dem Programm angetreten war die Flüchtlingslager zu leeren, dann auf Lesbos ein neues Lager plante, führte dies zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei die mit 500 Mann bewaffnetem Militär aufmarschierte. Binder schilderte „Bilder des Grauens“ während der Unruhen und dem Einsatz seines Teams, das die Verletzungen aus den Tränengaseinsätzen zu versorgen hatte. Als die Polizei aufgrund der Proteste abzog reisten daraufhin zunehmend Neonazis aus ganz Europa an um die Flüchtlinge zu vertreiben.

Die medizinische Arbeit des Teams von medical volunteers international fand in einer Ambulanz auf dem Gelände einer Schweizer Organisation „one happy family“ statt.  Dort gab es auch eine Schule für Kinder und ordentliche Mahlzeiten sowie anderen Angebote. Medical volunteers hatte im Lager einen guten Ruf und konnten zunächst unbehelligt von griechischen Behörden arbeiten. Die Menschen im Lager kamen mit posttraumatischen Störungen, Depressionen, Atemwegsinfekten. Vor allem aber die Hauterkrankung Krätze, die „unbehandelt schlimmer als Folter ist“ bereitete dem Team Sorgen. Aufgrund der hygienischen Zustände und schlechter Möglichkeit der Behandlung entstanden daraus schlimme Wunden. Mit dem Corona-Lockdown zogen so gut wie alle NGOs ihr Personal aus dem Lager ab. Eigentlich wollte Binder Mitte März zurückfliegen, blieb aber und medical volunteers waren ab diesem Zeitpunkt die einzige NGO die noch medizinische Versorgung im Lager Moria leistete. Von Anfang April bis Mai war Binder der einzige Facharzt vor Ort. Moria blieb über diesen Zeitpunkt hinaus „wegen Corona geschlossen wie ein Gefängnis“. Klar waren dort Abstandsregeln nicht einzuhalten. Erste positive getestete Fälle tauchten im September auf. Daraufhin wurde das geschlossene Lager mitsamt den umgebenden Olivenhainen mit Stacheldraht umzäunt. Binder nannte die Angst der Menschen vor dem vollständigen Eingesperrtsein eine wichtige Ursache für den späteren Brand.

Mit Zitaten von Ruth Klüger* mahnte Sigrid Kulik vom Caritaszentrum im Anschluss an den Vortrag Binders. sich nicht auf „Kultur und Zivilisation“ zu verlassen sondern in den Blick zu nehmen, welche Verletzungen des Menschenrechts sich mitten in Europa abspielen durch die kalkulierte Abschreckung an den Außengrenzen und leitete über zu den Ausführungen von Ines Fischer; Asylpfarrerin in der Prälatur Reutlingen, die von der Kampagne „Sicherer Hafen Baden-Württemberg“ berichtete. Diese Kampagne wurde von der Seebrücke Baden-Württemberg ins Leben gerufen und hat zum Ziel, politische Handlungsoptionen zu erschließen, indem für eine kontingentierte Aufnahme von Flüchtlingen bei der Landesregierung geworben wird. Im Rahmen der Kampagne wird informiert über die Situation an den Aussengrenzen Europas, aber auch über die Gründe und Auswirkungen von Flucht und Vertreibung. Ein offener Brief an die Landesregierung wurde im Rahmen der Kampagne entworfen, der bereits von mehr als 100 Organisationen in Baden-Württemberg – davon auch 11 aus Reutlingen - unterschrieben wurde und zum Tag der Menschenrechte an das Innenministerium überreicht werden soll.

 

 

 

 

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