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Kein Geld für Kerzen oder eine warme Mahlzeit

Die Aktion „Heiligabend gemeinsam feiern“ musste wegen Corona ausfallen. „Viele haben das sehr bedauert“, sagte Carola Schwerttner, die in den vergangenen Jahren diese gemeinsame Feier von Diakonieverband und Caritas organisatorisch geleitet hatte. Einige der Gäste des Heiligabend-Fests der zurückliegenden Jahre waren am vergangenen Dienstag und Mittwoch in die Planie 17 oder am Heiligen Abend an die Nikolaikirche gekommen, um sich einen kleinen Ersatz, ein „Drandenkerle“ abzuholen. „Wir wollten den Menschen zumindest eine kleine Weihnachtsfreude bereiten, mit einer Tüte voller Überraschungen für Leib und Seele“, sagte Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands.

Knapp eine Woche zuvor hatten rund zwölf Ehrenamtliche insgesamt 500 Tüten gepackt, darin enthalten waren schließlich ein kleiner Brief mit Gedanken zum Fest und die Weihnachtsgeschichte. Es fanden sich aber auch selbst gebackene Kekse von der Kerschensteinerschule darin. „Die Auszubildenden im Bäckerhandwerk hatten uns wie in all den Jahren zuvor genauso viele Gutsle zukommen lassen“, so Rückle. Ebenfalls in die Tüte kamen Mandarinen, Nüsse, ein Bücher-Gutschein von Osiander sowie jeweils eine Suppe und ein komplettes Menü, das von Starkoch Simon Tress zubereitet wurde. „Er hat sich mordsmäßig ins Zeug gelegt“, sagte Carola Schwerttner an Heiligabend vor der Nikolaikirche.

So manches „sehr intensive Gespräch“ habe sie mit einigen Menschen geführt, die sich eine Tüte abgeholt haben, sagte die Ehrenamtliche, die am Donnerstag direkt von der Arbeit in der Sozialpsychiatrie zum Tütenverteilen an den Rand der Wilhelmstraße gekommen war. „Es ist eine schwierige Zeit für Menschen, die ganz allein sind“, resümierte sie. „Gerade, wenn sie an Weihnachten auf sich selbst zurückgeworfen sind, kommen ganz viele Erinnerungen und ganz viel Traurigkeit auf.“ Und Joachim Rückle betonte: „Bei manchen der Abholer herrschte schon eine sehr gedrückte Stimmung.“ Andere wiederum hätten sich sehr über die Tüten gefreut „und über die Vielfalt, die darin zu finden ist“.

Rund 25 Tüten waren auch nach Hause geliefert worden, „an Menschen, die nicht mobil sind“, wie Thomas Eickstädt als ehrenamtlicher Fahrer betonte. Vor der Nikolaikirche betätigte er sich mit seiner Mundharmonika zudem als Musiker – um die Aufmerksamkeit der wenigen Menschen, die durch die Wilhelmstraße hasteten auf den Stand vor der Kirche zu lenken. Zu dem Zeitpunkt waren allerdings nur noch wenige Tüten zu verteilen. „An den beiden Tagen zuvor in der Planie sind die meisten schon abgeholt worden“, sagte Rückle.

Etwa 25 Ehrenamtliche waren in diesem Jahr an der Tüten-Aktion beteiligt. „Darunter waren viele, die in den vergangenen Jahren schon dabei waren, aber auch ein paar neue, jüngere Helfer, die über Facebook gefunden wurden“, so der Diakonieverbands-Geschäftsführer. „Viele der Freiwilligen zählen ja selbst zur Risikogruppe, manche haben sehr bedauert, dass sie nicht mehr dabei sein konnten“, sagte Schwerttner. Wie etwa eine 78jährige Frau, die mit Tränen in den Augen gesagt habe, dass sie kaum mehr laufen und deshalb nicht mehr helfen könne. Genauso berührend habe Carola Schwerttner empfunden, dass eine Abholerin sich ganz besonders über die Weihnachtskerze in der Tüte freute – „weil sie, wie sie sagte, kein Geld für eine Kerze hat“. Das sei doch unglaublich. „Für andere war das Essen in der Tüte eine Riesenfreude, weil sie sich warmes Essen sonst kaum leisten können“, hatte Rückle erfahren.

 

Gedanken:

Begegnung am Rande

Am vergangenen Donnerstag fand sich ein junger Mann an dem Stand der Aktion „Heiligabend gemeinsam feiern“ ein. Er traute sich nicht so richtig, direkt an den Tisch mit den Tüten heranzutreten. Stattdessen wartete er, bis jemand der Ehrenamtlichen ihn bemerkte. „Ich bin aus Afghanistan“, sagte er freudestrahlend, aber auch etwas verschüchtert. Daraufhin wurde ihm erklärt, worum es sich bei der Aktion mit den Tüten handle, wer dahinterstehe und so weiter. Offensichtlich verstand er nicht so richtig, worum es ging. Als schließlich jemand eine Tüte nahm, die drei Meter auf den etwa 18-Jährigen zuging und ihm das Geschenk überreichte, nahm er es fast ungläubig an. Der junge Mann verbeugte sich kurz, sagte „Vielen Dank“ und war schnell wieder verschwunden.

Dabei hinterließ er allerdings einige Fragen: Gehörte er zu den zahlreichen minderjährigen Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen? Ist er vor den Taliban in seinem Land geflüchtet, hat er mit ansehen müssen, wie seine Familie abgeschlachtet wurde – so wie es Geflüchtete immer wieder der Asylpfarrerin Ines Fischer berichten? Ist er über die Türkei mit einem kaputten Schlauchboot auf eine griechische Insel gekommen und wäre dabei fast ertrunken? Ist er in einem Lager in Griechenland oder auf dem Balkan nur mit ganz viel Glück zahlreichen Erkrankungen oder dem Erfrieren entkommen? Lebte er in Italien unter Brücken, hat keine Arbeit gefunden, ist fast verhungert, bis er schließlich nach Deutschland kam und hoffte, hier endlich anzukommen. In Sicherheit leben zu können. Deutsch zu lernen. Eine Arbeit, eine Ausbildungsstelle zu finden.

Womöglich aber ist sein Asylantrag abgelehnt worden, vielleicht muss er von 160 Euro im Monat leben, darf nicht arbeiten und lebt in ständiger Angst, dass er tagtäglich zurück nach Afghanistan abgeschoben werden kann. Vielleicht, ja vielleicht ist seine Geschichte auch eine völlig andere. Womöglich aber auch nicht. Klar war am Heiligen Abend aber: Er hat sich sehr über die Geschenktüte sehr gefreut. Und über ein klein wenig Menschlichkeit am Rande der Reutlinger Wilhelmstraße.

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