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Schulden müssen nicht sein

Angebot der Diakonischen Bezirksstelle in Münsingen für junge Erwachsene und Geflüchtete im Bereich der Schuldnerberatung

Der Andrang ist enorm, berichtet Florian Hecht. Im März hatte er 19 Geflüchtete in der Schuldnerberatung, es könnten aber problemlos auch 30 oder 40 Personen sein, die seine Hilfe in Anspruch nehmen würden. Nur: Die Kapazitäten hat Hecht gar nicht. Schließlich übt er zu 50 Prozent seiner Anstellung beim Reutlinger Diakonieverband als Schuldnerberater für junge Erwachsene und Geflüchtete aus, die anderen 50 Prozent ist er in der „Kontaktstelle für die Flüchtlingsarbeit“ tätig.

Aus der Beratung von Geflüchteten und den ehrenamtlichen Unterstützern heraus ist die Idee zu einer Schuldnerberatung speziell für Geflüchtete heraus entstanden. „Im persönlichen Kontakt hatte sich gezeigt, dass Schulden zu einem immer größeren Problem wurden“, so Florian Hecht. Eigentlich hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert, sich dann aber Zusatzqualifikationen im Bereich der Migration wie auch der „sozialen Schuldnerberatung“ erworben.

„Seit drei Jahren bin ich in der Ehrenamtsberatung tätig, das Thema der Schulden war bei den Flüchtlingen schon von Anfang an da.“ Zwar hätten zu Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland die vor allem jungen Menschen kaum eine Möglichkeit gehabt, Schulden zu machen – außer sie hatten kein Ticket für öffentliche Verkehrsmittel gelöst. „Wenn sie erwischt wurden und Monate später kam ein Strafbescheid über 500 Euro, dann sind das auch Schulden“, so Hecht.

Vor allem jüngere Männer zwischen 18 und 30 Jahren hatten dann aber auch bald Handy-Schulden – und zwar nicht allein geflüchtete, sondern auch einheimische. Die Schuldnerberatung wurde beim Projektantrag deshalb auf den „Kundenkreis“ der einheimischen jungen Erwachsenen ausgedehnt. „Manche von ihnen haben Verträge über monatlich 70 Euro abgeschlossen – das geht natürlich auch billiger.“ Schulden entstehen zudem, wenn die jungen Geflüchteten von der Erstunterbringung in die eigene Wohnung ziehen. „Ganz problematisch sind die Nebenkostenabrechnungen, die meist zum Beginn des neuen Jahres kommen – und in manchen Fällen ein paar Tausend Euro Nachzahlung mit sich bringen können“, so Hecht. „Meist tauchen die Schuldenprobleme jedoch auf, wenn die Geflüchteten mit dem hiesigen System nicht klar kommen“, betont auch Ina Kinkelin-Naegelsbach als Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle in Münsingen.

Florian Hechts Stelle der Schuldnerberatung wird auf drei Jahre zu 80 Prozent über das Deutsche Hilfswerk und die ARD-Fernsehlotterie finanziert. „Als wir den Förderantrag gestellt haben, hätten wir gerne eine 100-Prozentstelle gehabt – auch weil wir nicht nur die Schwäbische Alb, sondern obendrein das Ermstal mit bedienen wollten“, erläutert Kinkelin-Naegelsbach. Dringend notwendig wäre solch eine Stelle für die Beratung von Flüchtlingen aber auch in der Kreisstadt Reutlingen – wo ja das Landratsamt für die Schuldnerberatung zuständig ist. Auf Anfrage des Diakonieverbands schrieb Manuela Jess als Leiterin des Kreissozialamts lobende Worte zurück: Die Schuldnerberatung für Flüchtlinge und junge Erwachsene in Münsingen „dient … dazu, dass ein guter Start ins Berufsleben, die Integration Arbeit nicht zuletzt aber auch die gesellschaftliche Integration von Flüchtlingen nachhaltig gelingt“. Aber: „Dem Landkreis Reutlingen ist es leider nicht möglich, das Vorhaben finanziell zu unterstützen“, hatte Jess weitergeschrieben.

Dabei sei eine Ausweitung von Florian Hechts Stelle dringend notwendig. Und zwar nicht nur räumlich, ins Ermstal hinein, sondern auch, weil immer noch die ehrenamtlichen Unterstützer in der Asylarbeit „vieles leisten, was offizielle Stellen nicht leisten können“, hieß es im Projektantrag an das Deutsche Hilfswerk. Hechts wenige zu vergebende Termine seien jeweils sehr schnell vergeben, für weitere fehlen die Kapazitäten. Und in die „klassische“ Schuldnerberatung, die es in Münsingen ja auch noch gibt, finden die jungen Menschen nicht den Weg. Mögliche Gründe dafür? Womöglich hängt es an der Struktur, dass dort „nur“ beraten wird, keine direkte Alltagshilfe geleistet werden kann. Auch hier zeigt sich die positive Seite der direkten Verbindung von Hechts zwei Arbeitsstellen.

Zwar widme sich Florian Hecht auch der Aufgabe der Prävention – allerdings fast ausschließlich in Einzelgesprächen. „Es ist oftmals einfach notwendig, den jungen Menschen Grundsätzliches zu erklären, zum Beispiel über Ratenkauf, zu den monatlichen Hartz-IV-Zahlungen oder zu Handy-Verträgen“, so Hecht. „Meist hapert es nicht an Disziplin, sondern an Informationen, weil sie einfach nicht wissen, wie was funktioniert“, erläutert Kinkelin-Naegelsbach. Und meist sind ein bis zwei Beratungsgespräche ausreichend, um die Schuldenprobleme der jungen Menschen zu lösen. Wenn sie allerdings keine Beratung bekommen, wachsen die Schulden immer mehr an. Eine gute Voraussetzung für ihr Leben in Deutschland sei das nicht, betonen Hecht und Kinkelin-Naegelsbach.

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