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Menschenrechte im Untergang

Politisches Nachtgebet befasst sich mit der zunehmend unmenschlichen Situation im Mittelmeer, in dem immer mehr Geflüchtete unbemerkt ertrinken

„Das ist erpresster Humanismus“, rief einer der Beteiligten der Sprechmotette in der Marienkirche. „Die sind doch selber schuld“, ruft jemand anderes. Klar, es geht um Geflüchtete, um Menschen, die zu uns kommen. Zu uns kommen wollen. Oder im Mittelmeer ertrinken. Einfach so. „Das geht mich alles gar nichts an“, schreit jemand. „Menschlichkeit“, fordert lauthals jemand anderes. „Menschlichkeit.“ Und: „Seenotrettung ist Menschenpflicht.“ „Menschlichkeit.“ „Das geht mich alles gar nichts an.“

 

Es folgte am Dienstagabend während des Politischen Nachtgebets in der Reutlinger Marienkirche eine Stille, die alles gleichzeitig war: eindrucksvoll, beredt, vielsagend, bedrückend, hilflos. Was danach kam, war wie ein Sturm, der über die Besucher der Kirche an diesem Abend hinwegfegte: Tim Krüger gab an der Orgel all dem Elend im Mittelmeer musikalisch ein Gewicht. Was er spielte war fast schon körperlich spürbar – Bedrohung, Not, Angst, Hilfeschreie, Chaos und sogar das Ende. Fast hätte man denken können, dass sich der Boden wie das Meer in einem Sturm bewegte, fast hätte man sich an den Kirchenbänken festhalten mögen. Dann kehrte Ruhe ein, das Orgelspiel wurde leiser, fast beruhigend. Waren die Menschen im Meer gerettet? Oder ertrunken und erlöst? Die Frage wurde nicht beantwortet.

Zuvor hatte Markus Groda von der „Seebrücke Reutlingen-Tübingen“ während des Nachtgebets von seinen Einsätzen auf der Sea-Eye berichtet, einem privaten Seenotrettungsschiff, das auch heute noch auf dem Mittelmeer nach Flüchtlingen in Schlauchbooten oder kleinen, völlig überladenen Schiffen sucht, um die Menschen auf den völlig überladenen Booten zu retten. Menschen, die dem Elend, dem Terror und dem Menschenhandel in Libyen entfliehen wollten. „Im Herbst 2017 fuhr ich zum ersten Mal auf der Sea-Eye mit“, sagte Groda. Eindrücklich berichtete er von diesem Einsatz, von den verzweifelten Versuchen, in einem europäischen Hafen anlegen zu können. Die verwiesen aber stets an die libysche Seenotrettung – die wiederum war gar nicht erreichbar. Und bei Libyen handle es sich um einen Staat, in dem Bürgerkrieg herrsche. „Die libysche Regierung wird von Deutschland unterstützt, damit sie Flüchtlinge zurückhält.“ Somit würden „frühere Schleuser von der EU bezahlt“, so Groda.

Die Europäische Union schottet sich nach den weiteren Ausführungen von Markus Groda nicht nur ab, sie hat Seenotrettungsprogramme eingestellt – und behindert die private Seenotrettung  massiv: „2017 fuhren 20 private Schiffe im Mittelmeer, jetzt ist es noch eins, die Sea-Eye.“ Und auch das Schiff findet keinen Hafen mehr, in dem es anlegen könnte. Keiner wolle die Menschen haben. Die EU lasse sie bewusst im Meer ertrinken – und sorge laut Asylpfarrerin Ines Fischer sogar dafür, dass niemand mehr das Elend und die Toten registriere. Und wenn hinterher die Menschen sagen, davon hätten sie nichts gewusst? „Das hatten wir doch schon mal in unserer deutschen Geschichte“, sagte Fischer. „Warum spricht niemand über die Ungerechtigkeit?“ Das Friedensprojekt der EU „konterkariert sich gerade selbst“, so die Asylpfarrerin.

Im Mittelmeer, an den Grenzen Europas und auch mittendrin „ist die EU mitverantwortlich für den Untergang der Menschenrechte“, betonte Ines Fischer. Kein Wunder, dass auch hier Menschen „Wut, Entsetzen, Fassungslosigkeit und eine große Traurigkeit“ empfinden? Viele würden auch mit Zynismus oder Sarkasmus reagieren. „Ja, natürlich kann einen da der Frust packen, aber dann ist es vorbei – wir brauchen stattdessen Liebe und Freundlichkeit, um die immer mehr zunehmenden Karfreitage dieser Welt aushalten zu können“, forderte Fischer. „Wir müssen spüren, dass Solidarität uns stärken kann.“

Solidarität, die auch der Reutlinger Gemeinderat zeigen könnte. Am Donnerstagabend dieser Woche hat der Rat über einen interfraktionellen Antrag entschieden, in dem es darum ging – zumindest symbolisch – für Flüchtlinge ein „sicherer Hafen“ zu sein. Verbunden mit der Bereitschaft, zusätzliche Geflüchtete aufzunehmen. Das wäre zumindest ein Zeichen der Hoffnung. Wie der Gemeinderat entschieden hat, wird spätestens nächste Woche in den Zeitungen nachzulesen sein. Oder auch in dieser wöchentlichen Infomail.

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