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Beiträge zur Woche der Diakonie

 

Videogruß zur Woche der Diakonie

 

Flyer Sammlung zur Woche der Diakonie 2020 (PDF)

 

Predigt am Diakoniesonntag, 28. Juni 2020 in der Martinskirche in Metzingen
von Pfarrer Dr. Joachim Rückle

Predigttext aus Römer 12,17-21


17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.


Liebe Gemeinde,
neun Minuten, so lange kniete der amerikanische Polizist Derek Chauvin auf dem Hals von George Floyd. Neun Minuten, so lange dauerte es bis Floyd tot war. Eine Tat, die man nicht anders als böse bezeichnen kann. Aber ist es nicht weniger böse, wenn dieser Polizist nach seiner Entlassung mit einer Million Dollar Rente rechnen darf? Ist es nicht weniger böse, wenn ein Land es nicht schafft solche Übergriffe zu verhindern? Wenn dieser rassistisch motivierte Hass so tief sitzt, dass die Bürgermeisterin von Minneapolis sich nicht anders zu helfen weiß als die gesamte Polizeibehörde aufzulösen. Und wie böse, um nicht zu sagen blasphemisch ist es, wenn ein Präsident Demonstranten brutal mit Gummigeschossen und Tränengas vertreiben lässt, um dann mit der Bibel in der Hand vor der Kirche das Recht des Stärkeren für sich in Anspruch zu nehmen. Und ist es nicht genauso böse, wenn Franklin Graham, Sohn und Nachfolger des bekannten Evangelisten Billy Graham die Proteste gegen Trump dämonisch nennt und den Mord an Floyd einen Unfall?!


Ist es nicht genau das, liebe Gemeinde, was das Böse will und wirkt? Dass Unrecht nicht mehr Unrecht genannt wird. Dass Wahrheit nicht mehr
anerkannt und Lügen nicht als Lügen entlarvt werden. Wer sich vom Bösen überwinden lässt, der ist geblendet, der kann nicht mehr unterscheiden zwischen gut und böse. Der verdreht die Dinge so lange, bis sie ins eigene Weltbild passen.


Und bei uns in Deutschland? Hier in Reutlingen oder Metzingen? Ist da die Welt – abgesehen von den Coronafolgen - noch in Ordnung? Die Bilder aus Stuttgart und dieser entfesselten Gewalt gegenüber Polizisten und Passanten haben wir vor Augen. Ebenso den Missbrauch von Kindern, der einfach nur entsetzlich ist. Nein, in einer heilen Welt leben wir hier gewiss nicht. Auch wenn das Böse bei uns meist harmloser und unscheinbarer daher kommt. Z.B. in der Aggressivität auf den Straßen. Als mobbing im Internet. Als latenter Rassismus, der gerne nach einem Sündenbock sucht und Verschwörungstheorien produziert. Oder im jahrzehntelang kultivierten Streit mit den Nachbarn. Und jetzt durch Corona verstärkt vor allem in beengten Wohnsituationen: Die alltägliche Gewalt zuhause. Meist mit Worten, aber viel zu oft auch handgreiflich. Ist das Böse nicht banal, wie Hannah Ahrendt das ja formuliert hat nach den Erfahrungen des Dritten Reiches und im eigenen Erleben des Eichmann-Prozesses.
„Die traurige Wahrheit ist, dass das Schlimmste von den Menschen begangen wird, die sich niemals dazu entscheiden, gut oder böse zu sein.“
Gewissenlosigkeit, Ignoranz, fehlendes Mitgefühl, das, ist der Nährboden für das Böse.
Und so ist es kein Wunder, liebe Gemeinde, dass Paulus hier keine Extrembeispiele für das Böse nennt. Und schon gar nicht bezeichnet er einzelne Menschen oder Menschengruppen als böse. Auch deshalb nicht, weil er darum weiß, dass das Böse Teil jedes Menschen ist. Es äußert sich schlicht darin, dass ich jemandem Böses mit Bösem vergelte. Wie du mir so ich dir. Schreist du mich an, dann schreie ich zurück. Lässt du mich links liegen, dann geh ich dir aus dem Weg. Redest du schlecht über mich, dann mache ich das auch.


Aber, liebe Gemeinde, wie kommen wir da raus aus dieser Nummer? Aus diesem scheinbar ewigen Gesetz des Vergeltens, des

 
Zurückschlagens? Wie ist das möglich, Böses zu überwinden?   
Für Paulus gibt es darauf eine ganz einfache Antwort: Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Was für ein schlichter, was für ein gewaltiger Satz. Auf Gutes bedacht. Es geht hier um eine Grundhaltung dem anderen gegenüber. Dass ich ihm oder ihr Gutes wünsche. Dass ich mich so verhalte, dass es dem anderen gut tut. Was das genau ist, das gilt es zu bedenken. Das steht keinesfalls fest. Das muss oftmals gut abgewogen und bedacht werden. Etwa wenn es darum geht, jemanden zu beraten, der wieder begonnen hat zu trinken. Was hilft dem anderen mehr? Verständnis zu zeigen oder ihn zu konfrontieren mit dem, was er da aufs Spiel setzt.
Oder wenn jemand von einem Partner ausgenützt wird, aber nicht von ihm loskommt. Letztlich geht es da immer darum, gemeinsam zu bedenken, was eine gute Lösung sein könnte.
Das zweite ganz wesentliche ist, dass Paulus hier keine Unterschiede macht: Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Auch denen gegenüber, die ganz anders leben als ich, die ganz andere Werte vertreten. Ganz gleich ob ich jemanden sympathisch finde oder einfach nur nervig. Da sind alle gemeint. Unterschiedslos. Selbst meine Feinde, die gegen mich sind, die mich nicht leiden können, selbst denen gegenüber soll ich auf Gutes bedacht sein. Diese Haltung ist begründet im tiefen Glauben, dass Gott jeden Menschen als sein Ebenbild geschaffen, ihm eine unverlierbare Würde verliehen hat. Und wie soll ich als Christ jemanden hassen, der von Gott geliebt ist?  
Es ist ein hoher Anspruch, den Paulus da formuliert. Ein Anspruch, dem wir sicher oft nicht gerecht werden. Aber nur so, nur in dieser Grundsätzlichkeit können wir dem überall auf dieser Welt aufkeimendem Nationalismus und Rassismus standhalten. Nur so laufen wir selbst nicht Gefahr, uns über andere zu stellen.  
Paulus scheint zu spüren, wie hoch dieser Anspruch ist und wie schwierig es ist, nach ihm zu leben. Er will, dass wir auf dem Boden bleiben und keine moralischen Überflieger werden. Deshalb: Prüfe realistisch, welche Möglichkeiten du hast
und welche nicht. Dem anderen Gutes zu wünschen ist das eine. Dem anderen aber wirklich helfen zu können ist das andere. Bei vielen unserer Klienten ist das Problem, dass sie keine geeignete, bzw. keine bezahlbare Wohnung haben. Das macht uns großen Kummer, dass wir da selten wirklich helfen können. Umso mehr ergibt sich daraus ein gesellschaftsdiakonischer Auftrag. Dieses Problem klar zu benennen und mit den politisch Verantwortlichen zu überlegen, wie man das Problem der Wohnungsnot  angehen kann.
Paulus ist sich auch bewusst, dass gute Absichten und eigenes Bemühen keinerlei Garantie dafür sind, dass etwas gut wird.  Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Ich habe es nicht in der Hand, dass mein Partner, meine Partnerin nach einem Streit sich wieder mit mir aussöhnt, wenn ich den ersten Schritt getan habe. Frieden gibt es nur, wenn beide Seiten ihn wollen. Ein einseitiger Verzicht auf Vergeltung, ein einseitiges Friedensangebot kann auch als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. Dass Frieden entsteht und Versöhnung, das ist deshalb immer ein Geschenk, etwas, das man nicht machen kann. Aber je mehr ich mir Gedanken mache, wie wieder ein gutes Miteinander entstehen kann, desto größer ist die Chance darauf.  
Paulus unterstreicht seine Argumentation mit zwei Zitaten aus dem Alten Testament. Er verbindet damit ein theologisches und ein psychologisches Argument. Beim theologischen Argument nimmt Paulus ernst, dass dieser Impuls es dem anderen heimzuzahlen, sehr stark sein kann. Und zwar auch deshalb, weil es darum geht, erlittenes Unrecht nicht einfach hinzunehmen, sondern in seiner ganzen Tragweite auch ernst zu nehmen.  
Im Psalter gibt es einige Psalmen, in denen Menschen, die massiv enttäuscht, bedroht oder verletzt wurden, zu Wort kommen. Man spürt ihnen an, wie schwerwiegend, wie bedrohlich das Verhalten ihrer Gegner und Feinde für sie ist. Umso verständlicher ist ihr Wunsch nach Rache. Den Tod wünschen sie ihren Feinden. Von wegen Feindesliebe. Aber: entscheidend ist, dass sie mit ihren Rachegedanken bei Gott landen, und die Rache und Vergeltung in Gottes Hand legen.  

 
Das ist ein wichtiger Gedanke, dass das Böse nicht ungesühnt bleibt. Dass es zur Sprache kommt beim jüngsten Gericht. Weil Gott selbst der Richter ist, der den Frieden wieder herstellt, deshalb muss ich mich nicht selbst zum Richter machen, der den anderen verurteilt und bestraft.  
Das psychologische Argument wurde bei uns zum Sprichwort von den feurigen Kohlen, die man auf das Haupt des Feindes sammelt. Ein drastisches Bild, das aber etwas Wichtiges deutlich macht: Das, wie ich mich verhalte, bleibt nicht ohne Wirkung. Und gerade das Überraschende, das Nichtvergelten, das Versöhnende, das wirkt. Deeskalation nennt man das heute nicht nur bei Friedensforschern, auch bei der Polizei oder beim Militär. Es geht darum auszusteigen aus der Gewaltspirale, in der es immer noch mehr Verlierer und Opfer gibt und in der nichts Gutes für niemanden liegt. Es ist deshalb eine ganz wichtige Aufgabe in der Erziehung, in der Bildungsarbeit aber auch in der Beratung vorzuleben und zu zeigen, dass eine solche Haltung nichts mit Schwäche zu tun hat. Sondern mit innerer Größe und Überzeugung. Und mit dem Glauben an einen Gott, der Mensch wurde und der in Jesus Christus das Böse überwunden hat. Folgen wir seinem Weg. Amen

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