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Begegnung als Mittel gegen Diskriminierung

Veranstaltung der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in der Münsinger Zehntscheuer unter dem Motto „Menschlichkeit und Toleranz“ zum Thema „Der alltägliche Rassismus“

„Es ist extrem bedenklich, wenn Menschen wieder eingeteilt werden, in diejenigen, die dazugehören und in die anderen“, betonte Dr. Wolfgang Grulke vor kurzem, am Mittwoch, 27. März, in der Münsinger Zehntscheuer. Rund 40 Interessierte waren der Einladung zum Thema „Der alltägliche Rassismus“ gefolgt. „Wir wollen was entgegensetzen, ein Zeichen für Menschlichkeit und Toleranz“, so Grulke als derzeitiger Vorsitzender der Reutlinger Liga.

Zunächst hatte muntere Musik von der Reutlinger Gruppe „Vatter und Band“ die Zuhörer auf das Thema eingestimmt. Lean Haug vom Reutlinger-Tübinger Verein adis (Antidiskriminierung) berichtete von leider allzu tägliche Diskriminierungen: „Wenn ein Name nicht deutsch klingt, haben viele Menschen keine Chance, eine Wohnung zu mieten“, so Haug. Wenn die Hautfarbe nicht weiß sei, werde auch viel zu häufig der Disco-Besuch verweigert. „Entscheidend ist bei Diskriminierung nicht die Absicht, sondern die erzielte Wirkung“, so Haug.

In einem anschließenden Podiumsgespräch erläuterten Nicole Breitling als Rektorin der Münsinger Schiller-Gemeinschaftsschule ebenso wie Frank Bob als TSG-Vorsitzender, dass bei ihnen jede Menge gegen Rassismus und Diskriminierung getan werde. „Bei uns sind Kinder aus 22 Nationen, wir haben behinderte Schüler, schwarze, weiße – das ist für uns alle eine Herausforderung, aber auch eine Chance“, so Breitling. „Wir leben die Verschiedenheit.“

„Rassismus und Diskriminierung haben im Sport nichts zu suchen“, betonte Bob. In der TSG selbst kriege der Vorsitzende wenig mit von rassistischen Ausschweifungen – „aber man kann natürlich nicht in jeden reinschauen“. Markus Mörike antwortete auf die Frage von Dr. Joachim Rückle als Moderator der Diskussion, inwiefern behinderte Menschen Diskriminierung ausgesetzt seien: „Da müssten wir die Betroffenen selbst fragen – was ich aber beobachte: Ausgrenzung und Provokationen gibt es sehr wenige.“ Mörike erlebe jedoch, dass eine recht große Gruppe an Menschen nicht wisse, wie sie mit Behinderten umgehen solle. „Da ist eine große Hilflosigkeit und Verunsicherung.“ Eine weitere Gruppe freue sich, „behinderten Menschen im Alltag zu begegnen“.

Es gebe eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Samariterstift und der Münsinger Hopfenburg, sagte Rückle als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands. Angesprochen hatte er damit Andreas Hartmaier als Initiator und Chef der Hopfenburg als „ziemlich anderer“ Campingplatz – „der ist ja zusammen mit dem Biosphärengebiet entstanden, wir wollten damals auch den sozialen Aspekt und die Inklusion mit reinbringen“, so Hartmaier, der im Hauptberuf Architekt ist. Eine Gruppe behinderter Menschen sei gefragt worden, „die war gleich dabei“. Heute unterstützen zehn behinderte Mitarbeiter das gesamte Team auf dem Campingplatz, „wir brauchen aber professionelle Hilfe der Samariterstiftung“, so Hartmaier.

„Wir sehen hier gelebte Inklusion, bei der die Verschiedenheit als wohltuend empfunden wird“, schlussfolgerte Joachim Rückle. „Ist Münsingen also ein kleines Paradies“, fragte der Moderator Bürgermeister Mike Münzing. „Wir sind Modellregion für nachhaltige Entwicklung“, antwortete Münsingens Schultes. Allerdings sei die Albgegend keine Insel der Glückseligen – auch in und um Münsingen herum gebe es Rassismus. „Bin ich intolerant, wenn ich für die Intoleranz meiner Mitbürger keine Toleranz aufbringe“, stellte Münzing als Frage in den Raum.

Anschließend zählte der Bürgermeister einige Negativ-Beispiele auf: So etwa, dass eine muslimische Dezernentin der Stadtverwaltung von manchen Mitbürgern geschnitten werde. Oder, dass es in Münsingen Demonstrationen gegen Flüchtlinge gegeben habe – vor allem von Spätaussiedlern, die befürchteten in der Tafel an die Seite gedrängt zu werden. „Dann kriegen unsere Kinder weniger Duplo“, habe eine Frau als Begründung für ihre Angst vor den Geflüchteten geäußert.

Was könne getan werden, gegen diese Angst, gegen die Diskriminierungen, fragte Rückle. „Diskriminierung ist auch bei uns da, wir können ihr nur begegnen, indem wir sie ansprechen“, sagte Mike Münzing. „Es braucht Zivilcourage, wenn wir im Bus, im Zug, in der Öffentlichkeit Rassismus oder Diskriminierungen erleben“, antwortete Markus Mörike. „Das Mittel schlechthin gegen Diskriminierung ist Begegnung, Begegnung und nochmal Begegnung.“ Dem stimmte Frank Bob vorbehaltlos zu, das Zauberwort laute, „mit Andersdenkenden ins Gespräch zu gehen – und zwar mit allen“. Zustimmung auch von Andreas Hartmaier: „Wenn man sich begegnet, werden Vorurteile abgebaut.“ Und Mike Münzing fügte an: „Unsere Gesellschaft wäre um vieles ärmer, wenn bei uns in der Stadt nicht 78 Nationen leben würden.“

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