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Wir können sie doch nicht einfach ertrinken lassen

Veranstaltung der AK Flüchtlinge, des Asylpfarramts und der Evangelischen Bildung über Seerettungs-Hilfsmaßnahmen im Mittelmeer sowie über die Behinderung durch staatliche Stellen

Zunächst konnten die 32 Menschen, die von der Seawatch 3 aus Schlauchbooten vor der Küste Libyens aus dem Mittelmeer gerettet wurden, es kaum fassen – sollten sie tatsächlich „der Hölle entkommen“ sein, wie einer der Geretteten es beschrieben hatte? „Unter den Menschen waren vier Kinder, drei Frauen, alle kamen aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern“, die meisten aus der Subsahara, berichtete Stephanie Schüssele am Freitagabend im Reutlinger Matthäus-Alber-Haus.

„Die Flüchtlinge erzählten, dass viele von ihnen bis zu sechs Jahre in Libyen waren“, sagte die Frankfurter Kinderärztin, die zu der Veranstaltung am Freitagabend extra aus Frankfurt angereist war. „Die Menschen hatten gesehen, wie etwa eine Frau aufgeschlitzt, andere einfach ermordet wurden.“ Oder dass die Familien von Geflüchteten in ihren Heimatländern erpresst oder viele auch als als Sklaven verkauft worden seien. Viele der Flüchtlinge hätten schon mehrfach versucht, der menschenunwürdigen Katastrophe in Libyen zu entkommen. Ende Dezember bis Anfang Januar war Schüssele selbst auf der Seawatch 3 dabei, um bei der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer ganz persönlich zu helfen.

Die Zustände in Libyen seien katastrophal, berichtete auch der Reutlinger Markus Groda von der „Seebrücke Reutlingen-Tübingen“. In dem nordafrikanischen Staat gebe es keine funktionierenden staatlichen Strukturen, „das ist ein Land im Bürgerkrieg, in dem die Küstenwache mit Schleppern und Schleusern zusammenarbeitet, mit Waffenschmugglern und Drogenhändlern“, so Groda. Obwohl es in Libyen „keinen verlässlichen Partner gibt“, fließe öffentliches Geld aus Deutschland dorthin, damit Flüchtlinge zurückgehalten würden. Hätten viele der Geflüchteten zuvor den langen Weg durch die Sahara überlebt, träfen sie in Libyen auf menschenverachtende Zustände, sagte Groda. „Und es gibt für sie keinen Weg zurück.“

Was bleibe, sei die Flucht nach vorne, über das Mittelmeer. Deshalb würden alle europäischen Abschreckungsmaßnahmen nicht wirken, auch nicht die Einstellung der staatlich-deutschen Hilfe auf See. „Die Leute ertrinken jetzt, niemand sieht es, aber das ist ja auch erklärtes Ziel europäischer Politik“, sagte Markus Groda. „Das ist institutionalisierter Massenmord.“ Sich dagegen zu wehren sei also Pflicht eines jeden Bürgers, einer jeden Bürgerin in Deutschland und in Europa.

Und manche, sogar in Italien, tun das auch. Die Oberbürgermeister von Palermo und Neapel etwa, die trotz hochoffizieller staatlicher Gegenwehr Rettungsschiffe wie die Seawatch 3 anlegen lassen wollen. So berichtete der Metzinger Klaus Stramm als Vorstandsmitglied der Seawatch am Freitagabend auf Einladung der Evangelischen Bildung, der AK Flüchtlinge und des Asylpfarramts. Als das Schiff im Dezember in Malta anlegen wollte, um die 32 Flüchtlinge auf europäischem Boden abzusetzen, „begann das politische Geschacher auf dem Rücken der Menschen“, so Stramm. Kein Staat in Europa habe die Flüchtlinge aufnehmen wollen, „die europäische Politik sitzt da und lächelt zynisch“. Der Metzinger, der genauso wie Markus Groda und Stephanie Schüssele selbst schon bei Rettungsfahrten im Mittelmeer dabei war, sagte: „Das ist aktive Verhinderung von Seenotrettung.“ 19 Tage lang durfte die Seawatch 3 im Dezember und Januar nicht in irgendeinem Hafen einlaufen. Europäisch-offizielle Stellen hätten eiskalt gesagt, das Schiff solle sich an die libysche Küstenwache wenden. „Und die sagte nur, das gehe sie nichts an“, so Stramm.

Um diesem unglaublichen Zynismus und der ganz offensichtlichen Missachtung von Menschenrechten etwas entgegenzusetzen, sind laut Groda „im vergangenen Jahr 100 000e Menschen unter dem Label der Seebrücke auf die Straße gegangen“. Mehr als 35 Kommunen hätten mittlerweile per Gemeinderatsentscheidung beschlossen, weitere Flüchtlinge aufzunehmen – und somit einen „Sicheren Hafen“ zu bilden. Rottenburg war vergangene Woche die 37. Stadt, die sich laut Groda per einstimmigem Gemeinderatsbeschluss dafür ausgesprochen hatte. Möglich sei das auch in Reutlingen, betonte Markus Groda. Die OB-Kandidaten wie auch Barbara Bosch seien angesprochen worden – „das Beste, was wir zu hören bekamen, war: ‚Da sind wir nicht zuständig‘.“ Doch die Seebrücke Reutlingen-Tübingen will nicht aufgeben. In der Nachbar-Universitätsstadt sieht Groda allerdings aufgrund von OB Boris Palmer eher schlechte Chancen für solch ein positives Zeichen für die Menschlichkeit.

(Artikel im Reutlinger General-Anzeiger Montag, 28. Januar 2019)

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