Home | Seitenübersicht | Kontakt

Mehr als eine "kleine Erfolgsgeschichte"

Stefan Rechthaler ist bundesweit einzigartig im Landkreis als „Jobmentor“ tätig und vermittelt Flüchtlinge in Industrie, Wirtschaft, Handel und Gastronomie

Stefan Rechthaler ist Jobmentor. Und Stefan Rechthaler ist eine Wucht – er spricht sehr freundlich, aber mit einer Lautstärke, die einen fast wieder zum Raum hinausbläst. Wer sich nun fragt, was ein „Jobmentor“ überhaupt ist und tut, muss ein  wenig zurückgehen in der Geschichte: Als im Sommer 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wurde bald darauf im Landratsamt Reutlingen an einem Konzept gebastelt, um Geflüchtete so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen. Und sie dabei zu begleiten.

Das geschriebene Konzept wurde sogar als Antrag beim Bundeswirtschaftsministerium eingereicht. „Ich habe das Projekt selbst sogar schon in Berlin vorgestellt“, sagt Rechthaler. Die extrem positiven Zahlen, die der Reutlinger vorlegen konnte, „interessierten da aber gar nicht – die wollten eine wissenschaftliche Abhandlung daraus machen, um das Projekt auch auf andere Landkreise übertragen zu können“, sagt der 43-Jährige. Das allerdings dürfte schwierig sein. Denn der Erfolg in Reutlingen ist untrennbar mit der Person von Stefan Rechthalter verknüpft.

Der gelernte Hotelfachmann vermittelt als Jobmentor Geflüchtete an Firmen, Unternehmen, Betriebe in allen Industrie- und Wirtschaftsbereichen, in Handel, Gastronomie und Handwerk. „Und diese Vermittlung klappt super“, sagt Stefan Rechthaler. Während bei der Antragstellung ans Ministerium eher vorsichtig von der Vermittlung und Begleitung von 50 Geflüchteten ausgegangen wurde, hat der gelernte Hotelfachmann innerhalb von einem Jahr 190 Menschen, „die fast alle eine schlechte Bleibeperspektive haben“, in Lohn und Arbeit gebracht.

Der Erfolg spricht tatsächlich für Rechthaler. Für seine Menschenkenntnis. Für seinen Umgang mit Kunden, genauso wie für seinen Umgang mit den Flüchtlingen. Das hat auch einen Grund: „Mein Vater, mein Bruder und ich hatten ein Catering-Unternehmen, in dem an die 100 Leute angestellt waren“, erläutert Stefan Rechthaler. Und darunter seien auch einige Flüchtlinge gewesen. Geflüchtete, die in dem Unternehmen Fuß fassen konnten und sich bewährt haben. „Da lernt man schon, Menschen einschätzen zu können.“

Hinzu kommen die rund 800 „persönliche Kontakte“, die Rechthaler aus seiner aktiven Zeit in dem Catering-Unternehmen hat. Kontakte zu Hotels, Betrieben, Firmen, große, kleine und auch zu Einzelpersonen. Diese Kontakte sind unbezahlbar – allerdings auch mit der Person von Stefan Rechthaler verbunden. Die Vermittlung der Flüchtlinge funktioniert jedoch nicht nur über „Vitamin B“ und das persönliche Gespräch. Ein Beispiel: „Ich habe bei der Post ein halbes Jahr nach einem Ansprechpartner gesucht, bis ich endlich mal einen an der Strippe hatte.“ Dieses Gespräch war dann aber so wirkungsvoll, dass Stefan Rechthaler 60 Geflüchtete vermitteln konnte. Jeden Morgen werden sie nun aus Reutlingen abgeholt, zum Paketzentrum nach Eutingen im Gäu gebracht und abends wieder zurück. „Und weil die Leute im Bus doch eh nur rumsitzen, dachte ich mir, die könnten in den 1,5 Stunden hin und wieder zurück doch Deutsch lernen.“ Nun laufen während der Fahrt immer Deutschkurs-Kassetten.

Der Reutlinger Jobmentor ist seit dem 1. Dezember 2018 in einem Kooperationsmodell zwischen Landratsamt und Diakonieverband angestellt. Für alle Beteiligten hat sich Rechthalers Tätigkeit als Gewinn herausgestellt. Für die Unternehmen, die verwaiste Arbeitsstellen besetzen können. Für die Geflüchteten, die wissen, dass sie voraussichtlich nicht mehrere Jahre in Deutschland sein werden. Und die wollen „immer einfach nur eins: arbeiten“. Und Geld verdienen natürlich.

Wenn Stefan Rechthaler die zumeist jungen Männer vermittelt hat, dann haben die eine Aufgabe, sie sind nicht gezwungen, in den Flüchtlingsheimen herumzuhängen und dabei womöglich auf dumme Gedanken zu kommen. „Das Projekt ist eine kleine Erfolgsgeschichte“, sagt Rechthaler bescheiden, aber mit unverändert großer Lautstärke.

Seine Projektstelle ist nun um zwei Jahre verlängert worden. Und in dieser Zeit wird Rechthaler mit Sicherheit noch Hunderte weitere Flüchtlinge mehr in die passenden Jobs vermitteln. Wie einen jungen Gambier, der eine Stelle bei einem Elektriker erhielt. „Der hat am ersten Tag sogar sein eigenes Werkzeug mitgebracht“, schmunzelt der Jobmentor.

Bei der Vermittlung lässt es Rechthaler aber nicht bewenden: Er kümmert sich danach auch sowohl um die Geflüchteten wie auch um die Firmen. „Ich ruf immer wieder an, ob alles okay ist.“ Und von den 190 Stellen, für die er passendes Personal geliefert hat, „gab es so gut wie keine Probleme“, versichert der bundesweit einzige Jobmentor. Ziel des Projekts sei es zudem, dass es nicht bei den zumeist vermittelten Helfertätigkeiten bleibt, sondern die Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ausbildung oder qualifiziertere Tätigkeiten zu bringen. „Das hat bei einem Teil gut funktioniert.“ Mittlerweile hat sich Rechthalers Tätigkeit in Unternehmerkreisen weit über die Region hinaus schon herumgesprochen, immer mal wieder rufe jemand an und sage: „Hast du mir nicht auch einen Flüchtling, ich brauch dringend Personal.“

 

Die Person Stefan Rechthaler

Der 43-Jährige ist gelernter Hotelkaufmann, hat viele Jahre im familieneigenen Catering-Unternehmen gearbeitet. Als der Betrieb verkauft wurde, schaute er sich nach einer anderen Tätigkeit um. Nicht des Geldes wegen, „aber sonst hätte ich ja nichts mehr zu tun gehabt“. Bevor er jedoch Jobmentor wurde, war er beim Landratsamt als Leiter von Flüchtlingsunterkünften tätig. Seine Familie hatte nach dem Verkauf des Betriebs die Idee, die firmeneigene Fabrikhalle in Mark-West an den Landkreis als Flüchtlingsheim zu vermieten. Der Kontakt zum Landratsamt war schnell hergestellt, die Idee habe sich dann aber zerschlagen: „Weil aus Stuttgart die Meldung kam, dass Flüchtlingsheime nicht in Industriegebieten sein dürften“, so Rechthaler. Die Vorgabe habe sich bald wieder geändert, da war das Vorhaben jedoch schon gestorben. Eines Tages sah er dann eine Zeitungsanzeige, in der ein Leiter für eine Flüchtlingsunterkunft gesucht wurde. „Ich habe mich beworben und wenig später hatte ich den Job.“ Und während seiner Tätigkeit habe er ja schon einige Flüchtlinge in Jobs vermittelt. Als dann die Idee zum Jobmentor aus der Taufe gehoben wurde, war es eigentlich nur logisch, dass diese Arbeit und Stefan Rechthaler sich quasi magnetisch gegenseitig anzogen.

 

Konzept „Jobmentor“

 „Das Jobmentorenprogramm ist ein Projekt zur Integration der Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt“, berichtet das Reutlinger Landratsamt. Konzipiert wurde das Projekt im Amt für Migration und Integration und über Mittel des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gefördert. Seit Dezember 2018 wird das Projekt gemeinsam mit dem Diakonieverband Reutlingen und dem Landratsamt fortgeführt. Geflüchtete sollen zunächst über den Helferbereich Einblicke in den deutschen Arbeitsmarkt bekommen, um dann bei entsprechender Eignung in anspruchsvollere Tätigkeiten geführt zu werden. Durch eine enge Kooperation mit den Partnern wie der Kreishandwerkerschaft oder dem Jobcenter vermittelt Stefan Rechthaler interessierte Geflüchtete in ein passendes Beschäftigungsverhältnis. „Aufgabe des Jobmentors ist es, sowohl die teilnehmenden Betriebe als auch die Geflüchteten zu begleiten und zu motivieren.“ Gemeinsam mit ehrenamtlichen Begleitern in den Betrieben, soll die Weiterentwicklung von Geflüchteten gefördert werden – um sie für anspruchsvollere Tätigkeiten vorzubereiten. „Das spezialisierte Angebot stellt eine ideale Ergänzung zum bestehenden Betreuungsangebot im Flüchtlingssozialdienst und Integrationsmanagement dar“, heißt es in einer Stellungnahme des Landratsamts.

(Artikel im Reutlinger General-Anzeiger vom 24. Januar 2019)

<