Vier Stimmen aus der Betroffenenperspektive, der Glücksspielgruppe und der Beratung zeigen, wie Glücksspielsucht entsteht, sichtbar wird und wie ihr begegnet werden kann.
Glücksspiel und Sportwetten sind heute so verfügbar wie nie. Ob in der Spielhalle oder digital auf dem Handy – der Zugang ist niedrigschwellig, anonym und jederzeit möglich. Peter Eisenhardt, Leiter der Suchtberatungsstellen in Reutlingen und Tübingen, beschreibt es treffend: „Viele Anbieter sitzen im Ausland, die Regulierung ist schwer, und die Spieler können jederzeit loslegen.“ Dies bestätigt auch Marco S.*, der selbst jahrelang spielsüchtig war: „Ich musste nicht mehr rausgehen. Das hat alles beschleunigt. Ich konnte spielen, wann immer ich wollte – und irgendwann musste ich.“
Gerade diese permanente Verfügbarkeit fördert die Dynamik der Sucht. Für Christiane Mauz-Bora, die in der Suchtberatung Reutlingen zum Thema Glücksspiel und Sportwetten berät, betont, dass die „rasante Abfolge von Spielen“ besonders bei digitalen Angeboten den Anreiz zu spielen erheblich verstärkt.
Glücksspiel oder Wettsucht kündigt sich selten laut an. Sie beginnt leise – mit Stimmungsschwankungen, Geldknappheit oder ständigen Ausreden. Marco S. beschreibt die Anfangsphase so: „Ich habe meiner Familie gesagt, ich hätte Stress im Job. In Wahrheit war ich nachts wach, habe gewettet und tagsüber kaum funktioniert.“
Michael Glück, der die Glücksspielgruppe der Suchtberatungsstelle in Reutlingen leitet, ergänzt, dass Angehörige häufig zuerst merken, dass „etwas nicht stimmt“, aber die wahre Ursache oft verborgen bleibt – teils über Monate oder Jahre.
So führen viele Betroffene über lange Zeit ein strenges und anstrengendes Doppelleben. Häufig begleitet von großer Scham, was anhand der Schilderung von Marco S. deutlich wird: „Das Spielen war eine Sucht, aber die Lügen daneben waren fast schlimmer. Ich habe mich selbst nicht mehr erkannt.“
Dieses Verstecken ist nicht nur für das Umfeld belastend, sondern verstärkt auch die Abhängigkeit. Christiane Mauz-Bora erlebt es immer wieder in der Beratung: „Viele glauben, sie behalten die Kontrolle, indem sie ihr Umfeld täuschen. Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine fortschreitende Sucht.“
Seit 15 Jahren treffen sich einmal pro Woche die eigentlichen Experten zu diesem Thema, die Betroffenen selbst. Die Gruppe bietet Raum für Ehrlichkeit, für Rückfallprophylaxe und für praktisches Lernen – etwa im Umgang mit Geld, Drucksituationen oder alten Gewohnheiten. Sie wirkt ergänzend zur Einzelberatung, aber oft emotional unmittelbarer. Wie wirkungsvoll der Austausch mit anderen Betroffenen ist, beschreibt Marco S. eindrücklich: „Andere haben Sätze gesagt, die ich nur aus meinem eigenen Kopf kannte. Da habe ich begriffen, dass ich nicht allein bin.“
In der Beratung und der Gruppenarbeit gehören Wissensvermittlung und menschliche Haltung immer zusammen. Michael Glück erklärt: „Wir vermitteln, was im Gehirn passiert, warum das Suchtgedächtnis so mächtig ist und welche Auslöser es gibt. Aber genauso wichtig ist, dass jemand sich sicher fühlt, wenn er zum ersten Mal über seine Scham spricht.“ Viele Menschen leben jahrelang mit ihrer Sucht, bevor sie den ersten Schritt in die Beratung machen. Entscheidungen werden hinausgeschoben – aus Angst, aus Scham oder weil man glaubt, es doch noch selbst in den Griff zu bekommen.
Peter Eisenhardt verdeutlicht, dass Rückfälle zur Erkrankung gehören können. Charakteristisch ist, dass Betroffene nach einem Rückfall genau dort weitermachen, wo sie aufgehört haben, nicht langsam, sondern sofort mit denselben Beträgen und demselben Risiko. Der Betroffene Marco S. beschreibt es so: „Ich dachte, ich könnte einmal kurz spielen. Aber ich war sofort wieder drin. Das hat mir gezeigt, dass ich nicht ‚ein bisschen spielen‘ kann.“
In der Beratung ist entscheidend, dass Rückfälle offen angesprochen werden und nicht als Versagen gelten. Sie zeigen vielmehr, welche Auslöser noch nicht erkannt wurden.
Viele Betroffene entwickeln im Laufe ihrer Abstinenz eine außergewöhnliche Selbstreflexion. Michael Glück hat dies in seiner mehrjährigen Erfahrung als Gruppenleiter immer wieder beobachten können: „Viele Teilnehmer arbeiten intensiv an sich und entwickeln ein tiefes Verständnis für ihre Muster. Das macht sie oft sehr reflektiert.“
Diese Entwicklung entsteht durch den kontinuierlichen Austausch in der Gruppe, durch Beratung, Rückfallarbeit und durch das Wiedererlangen von Selbstvertrauen.
Glücksspiel ist kein Einzelfall, etwa 30-40 Prozent der Deutschen nehmen an Glücksspielen teil. Ein problematisches Glücksspielverhalten zeigen ca. 3,6 Prozent der deutschen Bevölkerung. Männer sind dabei mehr als doppelt so häufig betroffen wie Frauen.
Glücksspielsucht ist häufig verborgen, aber sie ist behandelbar. Der Weg hinaus beginnt mit dem ersten Gespräch – in einer Beratungsstelle, einer Selbsthilfegruppe oder in einem vertrauten Umfeld. Oder wie Marco S. es formuliert: „Der wichtigste Schritt war zu sagen: Ich habe ein Problem. Ab da konnte ich anfangen, mir helfen zu lassen.“
Hier bekommen Sie Hilfe: Suchtberatung Reutlingen, Planie 17, 72764 Reutlingen, Tel. 07121-948615 sowie Suchtberatung Tübingen, Beim Kupferhammer 5, 72070 Tübingen, Tel. 07071-750160, E-Mail: psb(at)diakonie-reutlingen.de
*Name von der Redaktion geändert