Vielfalt erleben, Unterstützung erfahren

Offen, vernetzt und lösungsorientiert – wie die offene Sprechstunde mit einem Team von Fachkräften in der Münsinger Karla 5 Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen hilft.

Die Begegnungsstätte Karla 5 in der Karlstraße 5 in Münsingen ist ein Ort, an dem Menschen willkommen sind. Jeden Dienstagvormittag findet dort eine offene Sprechstunde statt, zu der alle Menschen, die Hilfe brauchen, kommen können. Ob es um eine bevorstehende Trennung, einen Antrag bei der Familienkasse, Fragen zu einer Sozialleistung oder komplexe persönliche Herausforderungen geht, die Themen der Ratsuchenden sind so vielfältig wie das Leben selbst. „Jeder kann kommen, mit jedem Anliegen“, beschreibt Maryna Sikeler, im Projekt My Integration und der EUTB-Beratungsstelle im Diakonieverband tätig, die offene Sprechstunde. „Wir schauen, was wir tun können oder wer weiterhelfen kann.“ Besonders wichtig dabei ist: Der Zugang ist niedrigschwellig, es braucht keinen Termin und keine Anmeldung. 

In die Karla 5 kommen Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Lebenssituationen: Menschen aus der Ukraine, aus dem arabischen Raum oder auch Familien mit anderem Migrationshintergrund, die sich mit der deutschen Sprache schwertun. Die Sprachkompetenz im Team ist beeindruckend: Englisch, Arabisch, Russisch, Ukrainisch, Rumänisch und Portugiesisch sind vertreten, dazu kommen ehrenamtliche Dolmetscher und digitale Übersetzungsdienste. „Wenn jemand nur ukrainisch spricht, kann ich ihn an die Kollegin weiterleiten – oder wir nutzen einen Dolmetscher oder ein Übersetzungstool“, erklärt Susanne Glück, die im Diakonieverband im Projekt My Integration arbeitet.

Vielfach geht es um praktische Alltagshilfen – etwa beim Ausfüllen von Anträgen, bei Fragen zur Kinderbetreuung oder Klärung von Behördenpost. Manche Ratsuchende kommen regelmäßig, andere tauchen nur einmal auf, wenn eine ganz bestimmte Herausforderung zu bewältigen ist.

Von der Krise zur Lösung: Ein Beispiel aus der Praxis

Besonders in schwierigen Situationen zeigt sich die Stärke des interdisziplinären Teams. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist das Schicksal einer obdachlosen Frau: Durch die Vermittlung der Stadt kam sie in die offene Sprechstunde – ohne Unterkunft und ohne das Notwendigste zum Leben. Das Team handelte sofort. Die Stadt sorgte für eine Unterkunft, während die Beraterinnen Lebensmittel von der örtlichen Tafel organisierten. Es wurden zügig Anträge für existenzsichernde Leistungen auf den Weg gebracht und die Frau erhielt Unterstützung bei allen bürokratischen Hürden. „Hier wurde deutlich, wie flexibel wir sind und wie viele Stellen sich engagieren, um jemandem schnell und unkompliziert zu helfen“, betont Florian Hecht, Migrationsberater im Diakonieverband und Mitbegründer des Angebots. Vieles wurde auf dem ‚kurzen Dienstweg‘ geregelt: „Manchmal kann ich direkt die Sachbearbeiterin anrufen und den Weg für die Klientin ebnen. Das macht vieles einfacher – der kurze Dienstweg ist Gold wert.“

Diese flexible und unbürokratische Unterstützung sorgt für Vertrauen. „Die Frau ist inzwischen versorgt und kommt noch immer gelegentlich vorbei – ein Zeichen dafür, dass Vertrauen und Lösungen Bestand haben.“ Viele Ratsuchende erleben, dass ihr Anliegen ernst genommen wird. „Sie kommen immer wieder, weil sie wissen, dass ihnen geholfen wird“, so Isolde Rauscher aus der Schwangeren- und Sozialberatung.

Doch nicht nur in akuten Notsituationen, sondern auch im Alltag profitieren die Ratsuchenden von der Offenheit des Angebots: „Viele Klienten verstehen einfach nicht, welche Unterlagen sie einreichen müssen – da machen wir den Weg gerader und helfen, dass alles läuft“, berichtet Ildikó Iacob, die unter anderem im Projekt My Integration mitarbeitet. Gerade Menschen, die neu im deutschen Behördensystem sind, stoßen häufig auf große Hürden. „Oft ist das Problem nicht, dass wir nicht helfen können, sondern dass die Bearbeitung bei den Behörden lange dauert. Wir sorgen dafür, dass die Unterlagen vollständig sind und unterstützen mit Telefonaten oder persönlichen Gesprächen – aber an dem großen bürokratischen Aufwand können wir manchmal wenig ändern“, bedauert Jule Hofstetter aus der Migrationsberatung.

Wie sehr das Angebot geschätzt wird, zeigt dieser Kommentar einer Ratsuchenden: „Ich bin sehr dankbar, dass ich vom ersten Tag an immer Hilfe bei Fragen bekomme. Es ist sehr wertvoll, wenn man die Sprache und die Gesetze des Landes nicht kennt. Ich bin sicher, wenn diese Hilfe nicht wäre, wäre es sehr schwierig, sich in Deutschland zu integrieren.“

Zusammenarbeit macht den Unterschied

Ein weiteres Erfolgsrezept der Beratungsstelle ist die enge Zusammenarbeit verschiedenster Fachrichtungen vor Ort – von Migrations- und Integrationsberatung über Sozialberatung bis hin zu Jugendamt und Familienhilfe im Rahmen des Sozialraumteams. Das Team ist flexibel: „Wir sind alle mit unseren Fachrichtungen da, aber offen für die Anliegen, die kommen. Jeder bringt seine Expertise mit und ergänzt die anderen“, berichtet Maryna Sikeler. Besonders profitieren die Ratsuchenden davon, dass die Sprechstunde nicht auf eine bestimmte Zielgruppe begrenzt ist. Manchmal beraten Integrationsexperten und -expertinnen eine Familie, manchmal unterstützt die Sozialberatung Menschen mit Behinderung.

Die Kooperation mit anderen Akteuren ist in den letzten Jahren gewachsen. „Mittlerweile ist die Zusammenarbeit richtig gut – wir kennen die Stärken und Kompetenzen der Kolleginnen und können zügig weiterverweisen“, berichtet Susanne Glück. „Was wir besonders gut können, sind unkomplizierte Lösungen für schwierige Situationen.“ Ein Mitarbeiter hebt die gute Erreichbarkeit hervor: „Beim Jobcenter komme ich meist direkt durch oder werde zurückgerufen – das ermöglicht schnelle und pragmatische Antworten.“

Auch die Stimmung vor Ort ist besonders: Viele Fälle werden gemeinsam besprochen, die Sprechstunde bietet Raum für kollegialen Austausch und direkte Hilfsstellung. Wenn neue Ratsuchende kommen, sortieren die Mitarbeitenden direkt, wer als Ansprechpartner passt. Manchmal warten sie gezielt auf eine bestimmte Kollegin, weil z.B. die Sprachbarriere groß ist. Flexibilität und Hilfsbereitschaft werden für alle im Team der Karla 5 großgeschrieben. Für die Zukunft ist der Einsatz einer Ausfüll-App geplant, mit der die Ratsuchenden eigenständig und mit geringer Unterstützung die verschiedenen Anträge ausfüllen können. Beratung soll schließlich – da sind sich alle Beratenden einig – Selbständigkeit und Eigenverantwortung stärken.

Die offene Sprechstunde ist immer dienstags von 10:00 bis 12:30 Uhr. Bei komplexen oder längerfristigen Fragestellungen kann direkt ein Einzeltermin vereinbart werden.