Soziale Teilhabe statt Rückzug

Wie das Projekt TRAUDE, die Reutlinger Tafel und der Metzinger Mittagstisch für Seniorinnen und Senioren Zugänge eröffnet, Isolation abbaut und neue Handlungsspielräume schafft.

Die Lebensrealität vieler älterer Menschen hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Das beobachten die Mitarbeiterinnen Anja Beck und Jessica Lerm. Sie arbeiten täglich mit Menschen ab 60 im Projekt Traude und in der Reutlinger Tafel. Ihre Erfahrungen zeigen deutlich: Altersarmut und Einsamkeit sind längst keine Randphänomene mehr.

Armut im Alter – ein wachsendes Risiko

Immer mehr Seniorinnen und Senioren geraten finanziell unter Druck – auch solche, die Jahrzehnte gearbeitet haben. „Ich habe Männer in der Beratung, die ihr Leben lang voll gearbeitet haben und in der Rente kaum über die Runden kommen“, erzählt Anja Beck. Da entstehe oft Wut und Frust.

Die Kombination aus niedrigen Renten, gestiegenen Miet- und Energiekosten, höheren Belastungen durch medizinische Hilfsmittel und fehlenden Rücklagen macht vielen zu schaffen. Besonders Frauen seien gefährdet, weil sie längere Familienphasen hatten oder im Niedriglohnbereich gearbeitet haben – und sich das direkt auf die Rente auswirkt. 

Trotzdem fällt es vielen schwer, Unterstützung anzunehmen. Die beiden Beraterinnen erleben häufig, dass Senioren und Seniorinnen Wohngeld oder Grundsicherung ablehnen. „Dieses ‚Ich krieg das schon hin‘ ist stark bei älteren Menschen“, berichten sie. „Viele haben gelernt, mit wenig auszukommen – selbst, wenn es eigentlich nicht mehr reicht.“

Auch der Weg zur Tafel ist für viele nicht einfach. „Viele kommen wirklich erst, wenn es überhaupt nicht mehr reicht“, so Jessica Lerm. 

Doch für viele bedeutet der Besuch nicht nur finanzielle Entlastung. Ebenso wie das S-Haus, wo es ein warmes Mittagessen für 2,50 Euro gibt, ist die Tafel ein Ort, „wo andere Menschen um einen herum sind“.

Einsamkeit – oft unsichtbar, aber tiefgreifend

Neben finanziellen Problemen ist das Gefühl der Isolation immer wieder Thema in den Beratungsgesprächen. Viele ältere Menschen sind einsam und haben niemanden, den sie um Hilfe bitten können. Gleichzeitig wollen sie niemandem „zur Last fallen“ – ein Gefühl, das besonders im Alter Gewicht bekommt. Auch für Menschen, bei denen man Einsamkeit auf den ersten Blick nicht vermuten würde, kann es ein Thema sein. Einsamkeit kann nämlich auch unabhängig von der Anzahl sozialer Kontakte erlebt werden, also beispielsweise auch bei Menschen, die Familie oder einen großen Bekanntenkreis haben.

Für manche Menschen bedeutet das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben einen großen Einschnitt im Bezug auf Teilhabe. „Was mache ich jetzt den ganzen Tag? Wer ist noch da, wenn es die Arbeitskollegen nicht mehr sind? Das sind Fragen, die viele beschäftigen,“ erläutert Anja Beck.

Solche Veränderungen führen dazu, dass Einsamkeit, Armut und gesundheitliche Einschränkungen sich gegenseitig verstärken. „Das sind Faktoren, die einander bedingen“, betonen Anja Beck und Jessica Lerm. „Wenn ich arm bin, kann ich mir keinen VHS-Kurs leisten. Wenn ich einsam bin, fehlt der Mut. Und wenn ich krank bin, wird jeder Weg zum Hindernis.“

Das Projekt Traude bietet deshalb kostenfreie Aktivitäten – Wanderungen, Backen, Naturprojekte oder Stadtführungen. Entscheidend sei, „dass man oft schon ein bekanntes Gesicht sieht – dann trauen sich viele eher, mitzumachen.“ 

Neue Hürden: Digitalisierung, Mobilität, Behördenkontakt

Die größte Veränderung der letzten Jahre sei jedoch die zunehmende Digitalisierung. „Viele müssen sich zum ersten Mal mit Smartphones, Apps und Onlineformularen auseinandersetzen“, erklärt Anja Beck. „Auch diejenigen, die motiviert sind, haben Angst, Fehler zu machen.“ Weil Behördenkontakte immer häufiger digital ablaufen, steigt der Druck. „Wer das nicht kann, ist abhängig von anderen – und das fühlt sich nicht gut an.“

Entscheidend sei oft, dass es niedrigschwellige, wohnortnahe Angebote gibt. „Schon zu wissen: Ich habe eine Anlaufstelle, wenn es eng wird, nimmt viel Druck“, macht Jessica Lerm deutlich. 

So versuchen sie und ihre Kollegin auch mit Hilfe von eingegangenen Spenden konkret zu helfen: Beispielsweise übernehmen sie Zuzahlungen bis zur Befreiung und unterstützen finanziell bei notwendigen Hilfsmitteln wie bspw. Brillen. Sie ermöglichen damit nicht nur finanzielle Entlastung, sondern auch mehr Lebensqualität und Teilhabe. Angebote wie der Mittagstisch in Metzingen oder das Hohbuchcafé schaffen soziale Räume, die unabhängig vom Geldbeutel funktionieren.

Auch ehrenamtliches Engagement entfaltet Wirkung: Menschen mit wenig Geld möchten häufig etwas zurückgeben. „Gerade Personen am Existenzminimum sagen: Ich will helfen. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Teilhabe ist“, so Jessica Lerm.

Altersarmut bleibt oft unsichtbar – und ist doch ein gesellschaftliches Thema

Viele ältere Menschen meiden Orte, an denen ihre finanzielle Lage sichtbar würde. „Einige gehen nicht auf den Weihnachtsmarkt, weil fünf Euro für einen Glühwein einfach nicht drin sind“, erzählen die beiden Beraterinnen. „Man sieht ihnen die Armut nicht an. Aber sie ist da.“

Ein Mann ist Anja Beck besonders in Erinnerung geblieben, er lebte über Monate in einer sehr prekären Situation. Dass er trotz seiner eigenen Not freundlich, warmherzig und interessiert an anderen Menschen blieb, hat sie sehr beeindruckt.

Das Projekt TRAUDE wird im Rahmen des Programms „Stärkung der Teilhabe älterer Menschen – gegen Einsamkeit und soziale Isolation“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und durch die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert. Diese Förderung stärkt Zugehörigkeit, Teilhabe und Selbstwirksamkeit – damit aus Einsamkeit wieder Begegnung und aus Hürden machbare Schritte werden.

Sie können unsere Arbeit unterstützen. Schon mit 10€, 50€ oder 150€ können Sie einen Gutschein für die RT-Tafel oder den Zuschuss für fällige Zuzahlungen sowie Kosten für eine Brille finanzieren.