Platz ist im größten Parkhaus

Informationsveranstaltung zum Thema „Wie wir im Alter leben wollen“. Rund 60 Interessierte vor Ort          

Reutlingen. Das Thema „Wie wir im Alter leben wollen“ habe durchaus „politische Sprengkraft“, betonte Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Diakonieverbands (DV) am Montagabend zu Beginn der Info-Veranstaltung im Reutlinger Matthäus-Alber-Haus. Rund 60 Interessierte hatten sich eingefunden.  Die meisten über 60 Jahre und persönlich in unterschiedlicher Dringlichkeit mit dem Thema konfrontiert.   

Der Druck werde immer größer, sagte ein Besucher der Veranstaltung des Diakonieverbands. Seine Frau schaffe die 42 Stufen in den dritten Stock fast nicht mehr. „Wir sind auf der Suche nach einer barrierefreien, bezahlbaren Wohnung, aber das ist aussichtslos“, so der Besucher. Das bestätigte auch Rückle als Moderator des Abends: „Es herrscht eine massive Wohnungsnot – das ist mit das größte soziale Thema und taucht in unseren Beratungsangeboten immer wieder auf“, so Joachim Rückle. Gleichzeitig leben 40 Prozent der Deutschen allein in ihrem Haushalt, in der Wohnung, im eigenen Haus. Mit der Folge, dass die Einsamkeit in der Gesellschaft immer mehr zunehme.

Der Diakonieverband hat bereits ein Projekt initiiert, das Wohnungsnot vor allem bei jüngeren Menschen sowie der Einsamkeit und Hilfsbedürftigkeit bei alleinlebenden Älteren entgegenwirken soll. „Shelter and help“ heißt das Projekt, es soll Jüngere und Ältere zusammenbringen – gegen ein Stückweit Hilfe für günstigeres Wohnen. Aber: „Offensichtlich ist die Schwelle, jemanden ins eigene Haus zu nehmen, doch recht groß“, berichtete Rückle aus den bisherigen Erfahrungen des Projekts, dessen Förderung zum Jahresende ausläuft.

Doch die Probleme werden sich weiter verschärfen: „Durch die Demografie mit immer mehr Pflegebedürftigen ist das Problem in wenigen Jahren durch professionelle Pflegedienste allein nicht mehr zu lösen“, so der DV-Geschäftsführer. Andere Möglichkeiten müssten gefunden, Netzwerke gebildet werden – „ob wir das wollen oder nicht“, so Rückle.

Wie so was vonstatten gehen könnte, das verdeutlichte Prof. Ulrich Otto als Gerontologe, Alterns- und Wohnforscher, am Montagabend im Alber-Haus anhand von einigen Beispielen aus der Region: Warum nicht Häuser auf Garagen draufsetzen, fragte Otto. Oder Parkhäuser wie in der Reutlinger Bantlin- und Lederstraße in Wohnraum umwandeln? Und Galeria Kaufhof in der Karlstraße – es gebe, so der in Tübingen lebende Professor Beispiele aus anderen Städten, wo „im Erdgeschoss Stadtverwaltungen eingezogen sind und in den Stockwerken darüber Wohnraum entstanden ist“. Ottos Schlussfolgerung: „Platz ist in der größten Hütte.“

Für künftige Projekte gebe es jedoch ein massives Problem:  Die 60 Milliarden Euro, die der Bundesregierung in den nächsten Jahren fehlen werden, führen wohl auch dazu, dass kaum noch Fördermittel vorhanden sein werden, sagte der Professor. Aber es gebe durchaus andere, private oder genossenschaftliche Projekte in der Region, die beispielhaft sein können: In Hirschau etwa haben sich Privatleute zusammengetan und einen Gebäudekomplex entstehen lassen, in dem im Erdgeschoss eine Pflege-WG für elf Personen entstanden ist. Der Clou sei zudem: In den Stockwerken darüber sind Flüchtlinge eingezogen.

Ein anderes Beispiel: In Pfrondorf soll ein Clusterhaus entstehen, in dem eine Pflege-WG einziehen kann. Das Gebäude soll aber so gestaltet werden, dass es bei anderem Bedarf umgestaltet werden kann.

Wie es auch gehen könnte, hat Willi Igel aus Reicheneck am Montagabend berichtet: Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, haben Igel und Eva Kuhn das Haus umgebaut. Nun wohnt das Paar in Parterre, darüber lebt eine fünfköpfige Familie sowie zwei junge Frauen im Dachgeschoss. Und alle haben ausreichend Platz. Ein weiterer Thementisch beschäftigte sich mit moderne Wohngemeinschaften. Drei Frauen berichteten, wie das Frauen-Wohnprojekt Wigwam entstand und sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Mit den Hausschuhen abends noch schnell zur Nachbarin gehen können, das zeichne gute Gemeinschaft aus. Ein Wohnmodell, das auch ohne Eigenkapital und lange Vorlaufplanung realisiert werden kann, stellte Joachim Rückle vor. Im diakonischen Zentrum Christuskirche entstehen bis in drei Jahren zwei Clusterwohnungen für jeweils vier Personen. Zwischen 35 und 43 Quadratmeter groß ist der eigene Bereich. Ein großer Gemeinschaftsraum mit Küche ist Mittelpunkt der Wohnung. Wer Interesse hat, in ca 3 Jahren dort einzuziehen, kann sich beim Diakonieverband melden. Ziel ist, dass sich die Wohngemeinschaften frühzeitig finden. Am Ende bedankte sich Rückle bei den Mitwirkenden und den vier anwesenden Projektbeiräten, die das Projekt mit ihrer Expertise unterstützt hatten. Fazit: Interesse und Bedarf an gemeinschaftlichem Wohnen sind groß. Es bräuchte aber deutlich mehr Beratung und Förderung. (Norbert Leister/Joachim Rückle)