Neue Einblicke, die bewegen

Der Besuch von 18 Jugendlichen in der Reutlinger Tafel und im S-Haus eröffnet neue Blickwinkel und stärkt das Bewusstsein für soziale Arbeit.

Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag? Nicht für eine Gruppe von Konfirmanden, ihre Begleiter und die Beraterinnen und Mitarbeitenden im Diakonieverband Reutlingen. Mit Neugier und offenen Fragen besuchten die Jugendlichen die Reutlinger Tafel sowie das S-Haus und warfen einen wertvollen Blick hinter die Kulissen der sozialen Arbeit im Diakonieverband Reutlingen. „Es war spannend, das Haus mal von innen zu sehen und direkt mitzubekommen, wie viele Menschen auf Unterstützung angewiesen sind“, schildert eine Konfirmandin ihre Eindrücke. Für einige war auch der Aspekt der Ehrenamtlichkeit überraschend: „Ich wusste nicht, dass sich hier so viele ehrenamtlich engagieren. Das fand ich beeindruckend“, so ein weiterer Jugendlicher.

Pfarrer Simon Wandel von der Evangelischen Kirchengemeinde Sonnenbühl betont die Motivation: „Viele unserer Konfirmanden stammen aus Familien, in denen Armut und finanzielle Sorgen nicht präsent sind. Umso wichtiger finde ich, dass sie mit eigenen Augen sehen, welch vielfältige Lebensrealitäten es gibt – und dass diakonische Arbeit ein Grundpfeiler unserer Kirche ist.“ Damit knüpft er an die regelmäßigen Kooperationen mit Hilfsangeboten im Diakonieverband Reutlingen an, die alle zwei Jahre ins Konfirmandenprogramm integriert werden.

Momente mit Aha-Effekt

Die Mitarbeiterinnen Karen Brudar und Jessica Lerm, die beide in der Sozialberatung im Diakonieverband tätig sind, waren ganz begeistert vom Interesse der Jugendlichen „Uns hat besonders gefreut, dass die jungen Menschen offen auf uns zugegangen sind. Sie haben ohne Scheu gefragt, wie der Alltag in der Tafel aussieht, welche Angebote es für Kinder und Jugendliche gibt und warum so viele Familien auf Unterstützung angewiesen sind“, erzählt Karen Brudar. Erstaunt waren diese vor allem über die Vielfalt der Besucher und die Tatsache, dass Armut viele Gesichter hat. Jessica Lerm stellt fest: „Oft entsteht erst dann echtes Verständnis, wenn Menschen direkt miteinander sprechen. Jugendliche erfahren durch diese Begegnungen, dass persönliche Schicksale selten schwarz-weiß sind – und dass Engagement für andere bereichert.“ 

Vom Wissen zum Mitgefühl

Neben zahlreichen Fakten und Informationen bleiben den Jugendlichen vor allem persönliche Eindrücke aus dem Besuch in Erinnerung. Einige hörten an diesem Tag zum ersten Mal, dass es Gleichaltrige gibt, deren Familien sich Vereinsbeiträge oder ausgewogene Mahlzeiten nicht leisten können. Die Erfahrung, wie knapp bemessen das tägliche Budget für Lebensmittel bei Kunden der Tafel wirklich ist, wurde an diesem Tag besonders greifbar. Gerade als sie hörten, dass zum Beispiel ein Döner bereits mehr kostet als im Bürgergeld für einen Tag an Lebensmitteln für ein Kind eingeplant ist, wurde ihnen klar, wie weit entfernt diese alltäglichen Herausforderungen bisher für sie waren.

Danach gefragt, wie es wäre, wenn sie selbst auf die Unterstützung der Tafel angewiesen wären, schildert einer der Konfirmanden seine Gedanken so: „Ich wäre erst einmal froh, dass es überhaupt Hilfe gibt, aber gleichzeitig würde es mir sehr schwerfallen, die Situation anzunehmen.“ 

Pfarrer Simon Wandel sieht in diesen kleinen „Aha“-Momenten einen zentralen Lernerfolg: „Wenn sich daraus mehr Solidarität und weniger Vorurteile gegenüber Menschen in prekären Lebenssituationen entwickeln, wäre das ein wichtiger Schritt. Mein Wunsch ist, dass die Jugendlichen künftig bewusster und sensibler im Alltag agieren.“ Jessica Lerm und Karen Brudar bestärken diesen Gedanken: „Es wäre toll, wenn die Jugendlichen ebenso erkennen, wie wertvoll auch kleine Gesten sein können – etwa das Weitergeben von Kleidung, eine Spende an die Tafel oder einfach ein offenes Ohr für Mitschüler.“ 

Impulse auch für die Beratungsteams

Nicht nur für die Jugendlichen war der Tag lehrreich. Die Mitarbeiterinnen aus den Beratungsstellen profitierten ebenfalls. „Jugendliche bringen oft Fragen mit, die unser eigenes Handeln neu beleuchten. Der Austausch hat uns motiviert, Routinen zu überdenken und manche Dinge wieder mit frischem Blick zu sehen“, berichtet Karen Brudar. Direkte Begegnung statt nur Infoflyer – das macht für die Kolleginnen einen großen Unterschied in der Öffentlichkeitsarbeit. Jessica Lerm betont: „Es ist uns wichtig, als Beratungsstelle nicht nur für Fachpublikum sichtbar zu sein, sondern auch neue Zielgruppen wie Jugendliche, Schulen und Kirchengemeinden zu erreichen. Das Streuen ins persönliche Umfeld der Jugendlichen hilft uns dabei, gesellschaftliches Bewusstsein nachhaltiger zu fördern.“

Nicht zuletzt bestärkt die Aktion die gegenseitige Wertschätzung. „Ich bin immer wieder beeindruckt von der Vielfalt und Offenheit, mit der wir als Gruppe aufgenommen werden. Die Zusammenarbeit klappt nicht nur organisatorisch, sondern auch menschlich – das inspiriert uns alle weiterzumachen“, lobt Pfarrer Simon Wandel die Zusammenarbeit mit dem Diakonieverband Reutlingen. Weitere Begegnungen mit Konfirmandengruppen gibt es regelmäßig auch im Bereich der Jugendberatung der Psychologischen Beratungsstelle und durch Asyldiakonin Anna Sonnemann. 

Alle Beteiligten waren sich nach dem Tag einig: Solche Begegnungen sind wertvoll und sollten fester Bestandteil von Kooperationen zwischen diakonischen Einrichtungen und Gemeinden bleiben. Jessica Lerm resümiert: „Solche Besuche sind für uns anregend und motivierend. Wir hoffen, dass die Jugendlichen ihre Eindrücke mit Eltern, Freunden und Mitschülern teilen und so sensibilisieren für Menschen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen.“