Neuanfang statt Schulden

Die Schuldnerberatung des Diakonieverbands Reutlingen ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Diakonischen Bezirksstellen in Bad Urach und Münsingen. Sie ist seit vielen Jahren eine gefragte Anlaufstelle für Menschen in finanziellen Notlagen.

Überschuldung ist kein Randphänomen. Im Jahr 2024 lag die Überschuldungsquote in Deutschland bei über acht Prozent der Bevölkerung – das sind rund 5,5 Millionen Menschen. Der Diakonieverband Reutlingen begegnet dieser Herausforderung mit einem umfangreichem Beratungsangebot, zu dem u.a. auch die Sozialberatung, die Migrationsberatung für Erwachsene (MBE) und die Teilhabeberatung (EUTB) gehören.

Zu den zentralen Aufgaben zählen die umfassende Schuldner- und Insolvenzberatung für die Regionen Ermstal und Alb, einschließlich der Begleitung und Durchführung von Verbraucherinsolvenzverfahren. Dabei ist die Schuldnerberatung mehr als reine Zahlenarbeit: Sie gibt Menschen Hoffnung und neue Perspektiven, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Betroffene geben sich selbst die Schuld

Nahezu jeder kennt Menschen, die betroffen sind – oftmals ohne es zu wissen, denn viele versuchen, ihre Situation zu verbergen. Aus Scham oder aus Angst vor Stigmatisierung, weil sie sich selbst die Schuld geben. Dabei sind es oft Schicksalsschläge, die jede und jeden treffen können: Arbeitslosigkeit, Konjunktureinbrüche, Pflege von Angehörigen, Scheidung oder Krankheit.

Speziell ausgebildete Fachkräfte verschaffen sich mit den Betroffenen einen Überblick über die finanzielle Situation, erstellen Haushaltspläne und helfen im Umgang mit Gläubigern. Die Schuldnerberatung des Diakonieverbands Reutlingen wird durch den Diakonieverband sowie den Landkreis Reutlingen finanziert und ist kostenlos.

Ein erster Schritt aus der Dunkelheit

Der nachfolgende Erfahrungsbericht eines Klienten macht deutlich, wie schnell man in eine Überschuldung geraten kann – und wie wichtig die Unterstützung durch die Schuldnerberatung ist.

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als alles zu viel wurde. Die Rechnungen häuften sich, Mahnungen kamen fast täglich, mein Konto war ständig im Minus. Jeder Gang zum Briefkasten war ein kleiner Alptraum. 
Ich hatte Angst – nicht nur vor den Schulden, sondern auch davor, was sie über mich aussagen. Ich dachte, ich hätte versagt.

Es war mir unglaublich peinlich. Ich habe mich geschämt. Immer wieder habe ich mir gesagt: Das musst du alleine schaffen. Und so habe ich viel zu lange gezögert. Ich wollte stark wirken – dabei war ich innerlich längst völlig am Ende. Ich war ständig am Hin- und Herrechnen, habe mir den Kopf zerbrochen, ob das Geld noch irgendwie bis Monatsende reicht oder nicht. Diese ständige Ungewissheit hat mich total fertig gemacht.
Der Druck hat mich aufgefressen. Ich konnte nicht mehr schlafen, kaum noch klar denken. Alles in meinem Leben hat darunter gelitten: meine Arbeit, meine Beziehungen, vor allem mein Selbstwertgefühl.

Irgendwann kam der Moment, in dem ich nicht mehr konnte. Ich musste etwas ändern. Also habe ich – mit zitternden Händen – bei der Diakonie angerufen.

Und das war der Wendepunkt.

Gleich am Telefon wurde ich freundlich empfangen. Kein Urteil, keine Vorwürfe – nur echtes Zuhören. Das allein war schon eine riesige Erleichterung. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Da ist jemand, der mich sieht. Der mich ernst nimmt.

Beim ersten Termin war ich nervös wie selten zuvor. Aber mein Berater, Herr Spinner, war ruhig, verständnisvoll und einfach da. Schritt für Schritt hat er mir geholfen, wieder einen klaren Blick auf meine finanzielle Situation zu bekommen. Was mir besonders geholfen hat, war die Geduld die er dabei mit mir hatte. Er hat mir alles in Ruhe erklärt – auch mehrmals, wenn es nötig war. Jede Frage wurde ernst genommen, nie abgetan. Und alle meine Bedenken konnte ich offen mit ihm besprechen. Das hat mir enorm viel Sicherheit gegeben.

Wir haben gemeinsam einen Plan gemacht. Nicht perfekt, nicht sofort schuldenfrei – aber ein Anfang. Und mit jedem Schritt ging es ein bisschen besser. Nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Ich habe gemerkt: Ich bin nicht allein. Es gibt Wege. Es gibt Hilfe. Und es ist kein Zeichen von Schwäche, sie anzunehmen – es ist mutig.

Mit der Zeit hat sich auch mein Blick auf Geld verändert. Ich gehe heute viel bewusster mit meinen finanziellen Mitteln um. Kreditkarten sind für mich inzwischen tabu. Ich habe gelernt, mit dem Geld auszukommen, das mir zur Verfügung steht, und sorgfältig zu überlegen: Was brauche ich wirklich – und was kann vielleicht auch warten?

Was sich für mich ebenfalls sehr verändert hat: Ich traue mich mittlerweile wieder, meinen Kontostand anzuschauen – auch am Monatsende.
Früher war das für mich ein extrem bedrückender Moment, etwas, das ich immer so lange wie möglich hinausgezögert habe. Jedes Mal war es eine Überwindung. Heute nicht mehr. Es gehört einfach dazu, und ich habe keine Angst mehr davor.

Diese Veränderung gibt mir nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch ein gutes Gefühl, die Kontrolle über mein Leben zurückgewonnen zu haben.

Heute bin ich noch nicht ganz am Ziel, aber ich bin auf einem guten Weg. Ich habe wieder Hoffnung. Ich schlafe besser. Ich kann wieder lachen.

Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Danke, Herr Spinner. Danke, Diakonie Reutlingen. Danke für die Menschlichkeit, die Geduld, die Unterstützung.

Mein Rat an alle, die in einer ähnlichen Situation stecken: Wartet nicht zu lange. Ihr müsst das nicht allein schaffen. Hilfe anzunehmen ist kein Scheitern – es ist der erste Schritt raus aus der Dunkelheit.

Jede Unterstützung – ob durch Behörden, Banken, Institutionen oder einzelne Menschen – hilft, das Angebot aufrechtzuerhalten und gemeinsam daran zu arbeiten, Menschen aus der Schuldenfalle herauszuhelfen.