"Insulaner der Menschlichkeit" - Vesperkirche startete am Sonntag zum 27. Mal

Nächstenliebe und Barmherzigkeit sind in den Weltreligionen des Islam, im Christentum wie auch bei den Juden wesentliche Elemente des Glaubens. „Nächstenliebe und Barmherzigkeit eint die Religionen – das wird aber oft vergessen“, betonte Diakon Frieder Leube am gestrigen Sonntag zum Auftakt-Gottesdienst der mittlerweile 27. Reutlinger Vesperkirche im Jahr 2024. „Religionen sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung“, so Leube in seiner besonderen Predigt.

Kurz zuvor hatte die jüdisch-israelische Künstlerin Revital Herzog eine Geschichte über eine persönliche Begegnung im Sinai-Gebiet mit einer ägyptischen Militärkontrolle erzählt – eine Begegnung, die voller Angst begann und mit einem überraschenden und herzlichen Abschied endete. Herzog spielte anschließend am gestrigen Sonntag eine Klezmer-Weise auf dem Akkordeon, während Leube danach für mehr solche „positiven Samaritergeschichten in der Öffentlichkeit“ aussprach, denn: „Es gibt schon viel zu viele schlechte Nachrichten.“

In den kommenden vier Wochen können in der Nikolaikirche wie gewohnt wieder Menschen eine warme Mahlzeit, plus Dessert und ein Getränk erhalten – ohne dafür bezahlen zu müssen. „Voraussichtlich werden es wieder mehr als 10 000 Mahlzeiten sein, die in diesen vier Wochen ausgegeben werden“, sagte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck in seinem Grußwort. „Die Einrichtung der Vesperkirche ist wichtig“, so Keck. „Weil hier jede und jeder willkommen geheißen wird.“

Auch deshalb sei die Vesperkirche „wie eine wärmende Insel in dieser auch gesellschaftlich so kalten Zeit“, betonte Jörg Mutschler. „Wir sind hier die Insulaner der Menschlichkeit“, so der Vesperkirchen-Pfarrer. Er habe sich auf die diesjährige Ausgabe der Vesperkirche gefreut, so wie er nach seinen eigenen Worten sich gestern auch freute, „so viele vertraute Gesichter hier wiederzusehen“.

Thomas Keck hatte in seiner Ansprache zudem betont, dass „die demokratischen Werte zurzeit stark gefordert sind“. Die Kriege in der Ukraine und in Israel „prüfen uns und fordern uns zum Handeln auf, die demokratischen Werte stehen auf dem Prüfstand“. Umso wichtiger sei die Vesperkirche, „einem Ort der Begegnung, einem Ort der Hoffnung und des Trosts“, so der Oberbürgermeister.

Nachdem Pfarrer Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Reutlinger Diakonieverbands das Brot gebrochen und an die Anwesenden verteilt hatte, sagte Jörg Mutschler voller Vorfreude auf die kommenden vier Wochen: „Jetzt lasst uns die Menschlichkeit schmecken“, so der Vesperkirchenpfarrer, der damit auch den Startschuss für die erste von insgesamt 29 warmen Mahlzeiten in der Nikolaikirche gab.

 

INFO:

Vier Wochen jeden Tag Vesperkirche

Vom 14. Januar bis zum 11. Februar werden den Gästen täglich zwischen 11 und 13.30 Uhr frisch gekochte Mahlzeiten serviert. Danach gibt es Kaffee und Kuchen in der Unteren Gerberstraße 9, um dort zu verweilen, ins Gespräch zu kommen, um sich aufzuwärmen und mitzuteilen. Das Kulturprogramm der 27. Vesperkirche beginnt am Donnerstag, 18. Januar, 19 Uhr, mit einem Gespräch zwischen Sternekoch Vincent Klink und Wolfgang Alber über „Essen ist ein Menschenrecht“.