104 ausgefüllte Fragebögen, rund 40 Stunden Gespräche an Haustüren und in Wohnungen im Stadtviertel „Tübinger Vorstadt“ mit 10 Interviewerinnen und Interviewern aus den eigenen Reihen. Mit dieser beeindruckenden Bilanz fand Anfang Juni eine Dialog-Aktion des Diakonieverbands Reutlingen ihren Abschluss.
Es ist schon ein bisschen verkehrte Welt: Üblicherweise wenden sich Menschen an den Diakonieverband, bitten um einen Termin, müssen mal mehr mal weniger lange warten und bekommen dann ein Beratungsgespräch. Heute stehen zwei Mitarbeiter vor einer fremden Wohnungstür und klingeln. Es will gerade anfangen zu regnen und sie wissen nicht, was sie erwartet. Die Tür öffnet sich nicht. Stattdessen im Stock darüber ein Fenster. Heraus schaut eine ältere Dame, wenig begeistert und einigermaßen skeptisch, was denn die Herren ihr womöglich andrehen wollen. Ein paar Minuten später stehen alle drei vor ihrem Haus, vertieft in ein anregendes Gespräch, über die Besonderheiten der Tübinger Vorstadt und was es heißt, hier an der Schule einmal als Lehrerin tätig gewesen zu sein. Vieles habe sich verändert, sagt sie. Nicht nur zum Guten, aber doch so, dass man hier unbedingt weiter leben will. Solche und ähnliche Erfahrungen machten viele Mitarbeitenden während den Befragungen.
In einem Stadtteil mit rund 3.250 Einwohnerinnen und Einwohnern etabliert der Diakonieverband mit seinem Umzug in das Diakonische Zentrum Christuskirche im Frühjahr 2027 ein Angebot, das künftig bis zu 20.000 Ratsuchende, Gäste, Besucherinnen und Besucher pro Jahr ins Quartier führen wird. Eine solche Größenordnung bleibt nicht ohne Wirkung auf das unmittelbare Umfeld. Umso wichtiger ist es, frühzeitig zuzuhören, wahrzunehmen und ins Gespräch zu kommen.
„Es kostet immer Überwindung, zu klingeln und zu fragen, ob jemand an einer Befragung teilnehmen möchte. Umso erstaunlicher war, wie gut das funktioniert hat.“Stephanie Gohl, Stellvertretende Geschäftsführerin Diakonieverband Reutlingen
Stephanie Gohl, Stellvertretende Geschäftsführerin Diakonieverband Reutlingen
Aus diesem Grund hat der Diakonieverband im Mai 2026 eine Quartiersbefragung durchgeführt – bewusst nicht als distanzierte Erhebung, sondern als persönliche Begegnung. Zehn Mitarbeitende verließen ihre Büros und machten sich an mehreren Tagen auf den Weg, klingelten unangekündigt an Haustüren, stellten sich vor und kamen mit Menschen ins Gespräch. Was dabei entstanden ist, geht weit über Zahlen und Auswertungen hinaus: Es ist ein vielschichtiges Bild eines Quartiers im Wandel – mit Stärken, Spannungen und einem großen Potenzial für eine gemeinschaftliche Entwicklung.
Die Befragung setzte auf direkte Ansprache. Wo Türen geöffnet wurden, entstanden Gespräche, die gut und gern 20 Minuten und länger gingen, teilweise sogar in den Wohnungen der Menschen. Etwa 40 Prozent der Kontakte führten zu ausführlicheren Interviews und ausgefüllten Fragebögen. Gleichzeitig wurden rund 200 Fragebögen verteilt, um auch jene zu erreichen, die gerade keine Zeit hatten oder nicht zu Hause waren.
Insgesamt gingen 104 ausgefüllte Fragebögen ein. Die Bandbreite der Befragten war groß: Menschen zwischen 15 und 85 Jahren, mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und aus etwa zehn verschiedenen Herkunftsländern. Besonders auffällig war der hohe Anteil älterer Menschen sowie der große Anteil von Bewohnerinnen und Bewohnern mit internationalem Hintergrund.
„Viele haben sich gefreut, dass wir uns als neue Nachbarn vorgestellt und Einblick in das geplante Zentrum gegeben haben.“Pia Hertenstein, zukünftige Hausleiterin im DZC und zuständig für Vermietungen und Quartier
Pia Hertenstein, zukünftige Hausleiterin im DZC und zuständig für Vermietungen und Quartier
Schon im Verlauf der Gespräche wurde deutlich: Viele Menschen mit Migrationsgeschichte kannten weder die Christuskirche noch den Diakonieverband. Gleichzeitig zeigte sich gerade darin eine Chance – denn die Gespräche waren oft der erste persönliche Kontakt und wurden vielfach als wertschätzend und überraschend positiv erlebt.
Auch sonst zeigte sich das Viertel in seiner Vielfalt, ob sozial, kulturell oder baulich. Hübsche Einfamilienhäuser stehen neben älteren Wohnblocks, ruhige Hinterhöfe neben stark befahrenen Straßen. Diese Unterschiede prägen auch die Wahrnehmung der Lebensqualität.
Viele schätzen die zentrale Lage und die gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Infrastruktur. Grünflächen, Gärten und gewachsene Nachbarschaften stärken die Bindung an den Stadtteil. Gleichzeitig berichten Bewohnerinnen und Bewohner an stark frequentierten Straßen von Lärm, Abgasen und fehlendem Grün.
Diese Gegensätze sind kein Randphänomen, sondern prägen den Alltag: Während die einen die Ruhe und das „Beschauliche“ ihres Wohnumfelds hervorheben, erleben andere ihren direkten Lebensraum als belastend. Das Quartier ist damit kein einheitlicher Raum, sondern ein Gefüge unterschiedlicher Lebenslagen.
Zwei Drittel der Befragten beschreiben das Miteinander in ihrer Nachbarschaft positiv. Häufig entstehen Kontakte im Alltag, beim Einkaufen, im Treppenhaus oder auf der Straße. 43 Prozent berichten von regelmäßigen Begegnungen, teilweise über viele Jahre hinweg.
Gleichzeitig gibt es auch andere Erfahrungen: Jeder zehnte Befragte hat kaum oder keinen Kontakt zu Nachbarn. In vielen Fällen bleibt das Zusammenleben eher nebeneinander als miteinander. Gerade neu Zugezogene, aber auch langjährige Bewohnerinnen und Bewohner berichten von fehlenden Anknüpfungspunkten.
Das Thema Einsamkeit taucht in den Gesprächen immer wieder auf – manchmal offen benannt, manchmal zwischen den Zeilen spürbar. Der Wunsch nach Kontakt ist vorhanden, wird aber oft erst dann verwirklicht, wenn es niedrigschwellige und positive Gelegenheiten zur Begegnung gibt.
„Ich finde es sehr schön, dass ihr so was macht.“Bewohnerin in der Tübinger Vorstadt
Bewohnerin in der Tübinger Vorstadt
Die vielleicht deutlichste Botschaft der Befragung betrifft das, was fehlt. Immer wieder genannt werden Orte, die unkomplizierte Begegnung ermöglichen: Sitzgelegenheiten im Grünen, Treffpunkte, ein Café, Räume zum Verweilen – ohne Konsumzwang.
Diese Wünsche ziehen sich durch alle Altersgruppen und Lebenslagen. Sie betreffen junge Menschen ebenso wie ältere, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Es geht dabei weniger um große Angebote, als um niederschwellige Möglichkeiten, sich zu begegnen.
Auch Freizeit- und Kulturangebote werden vermisst, insbesondere für Jugendliche und Seniorinnen und Senioren. Ergänzt wird dies durch Wünsche nach mehr Sauberkeit, Verkehrssicherheit und punktuellen Verbesserungen in der Infrastruktur, wie Grünflächen, Spazierwege und das Bachufer als wichtige Rolle für Erholung und Lebensqualität.
Einige Begegnungen gingen besonders nahe: Berichte von Einsamkeit, von beengten Wohnverhältnissen oder von schwierigen Lebenssituationen. Gleichzeitig entstanden auch konkrete Brücken – etwa indem auf Beratungsangebote hingewiesen oder erste Kontakte vermittelt werden konnten.
„Herausfordernd ist vor allem, dass viele Menschen grundsätzlich Schwierigkeiten mit Veränderungen haben.“Pia Hertenstein, zukünftige Hausleiterin im DZC und zuständig für Vermietungen und Quartier
Gleichzeitig wurden auch Herausforderungen sichtbar: Unsicherheiten gegenüber Veränderungen, Sorgen im Zusammenhang mit der Baustelle und offene Fragen zur Zukunft des Quartiers. Viele Menschen beobachten die Entwicklungen aufmerksam – mit einer Mischung aus Neugier, Hoffnung und Skepsis.
Die Quartiersbefragung zeigt ein lebendiges, vielfältiges und in Teilen herausgefordertes Stadtviertel. Es gibt keine dominierende Problemlage – aber viele unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse. Gerade darin liegt die Chance: Angebote können gezielt ansetzen, verbinden und Brücken bauen. Auch hierfür bietet das kommende Stadtteilfest am 10. Oktober (14.00 – 17.00 Uhr Hermann-Kurz-Schule) eine gute Gelegenheit.
„Mir unbedingt die Einladung fürs Stadtteilfest am 10. Oktober zuschicken!“Bewohner in der Tübinger Vorstadt
Bewohner in der Tübinger Vorstadt
Für den Diakonieverband bedeutet das: Die geplanten Angebote treffen auf ein reales Bedürfnis – insbesondere im Bereich Begegnung, Beratung und sozialer Vernetzung. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig es ist, sichtbar zu sein, Vertrauen aufzubauen und Menschen aktiv einzubeziehen. Mit einem Antrag beim Deutschen Hilfswerk hofft der Diakonieverband intensiver in die Quartiersarbeit einzusteigen.
Für die Quartiersarbeit der Stadt mit allen, auch zukünftig Aktiven eröffnet die Befragung des Diakonieverbands wertvolle Einblicke in Strukturen, Dynamiken und Entwicklungspotenziale des Quartiers. Sie zeigt, wo Anknüpfungspunkte für Kooperationen liegen und welche Themen besonders relevant sind.
Und für Förderer und Spender wird sichtbar, welche Wirkung möglich ist: Dort, wo Begegnung entsteht, wo Menschen gehört werden und wo Angebote konkret im Alltag ankommen, verändert sich ein Quartier – Schritt für Schritt.
Die Haustürgespräche waren dafür ein Anfang. Das, was daraus wächst, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist schon jetzt: Die Bereitschaft zum Dialog ist da. Und sie ist eine tragfähige Grundlage für alles, was kommt.