Wenn Susanne Schöpfer heute durch die Tübinger Vorstadt in Reutlingen geht, fällt ihr Blick sofort auf die Christuskirche, einen Ort, mit dem sie viel Persönliches aus der Vergangenheit, aber auch Zukünftiges verbindet.
Zwischen neueren Wohnhäusern, Werkstätten und kleinen Läden wirkt das Kirchengebäude wie ein ruhiger Anker in einem Viertel, das sich seit Jahrzehnten verändert. Für Susanne Schöpfer ist dieser Ort ein Stück Kindheit, Heimat und Begegnung zugleich: „Hier habe ich die Sonntagsschule besucht, wurde konfirmiert, später habe ich hier geheiratet. Auch meine Töchter sind hier getauft und wurden hier konfirmiert. Mein Leben ist mit diesem Ort verwoben wie mit kaum einem anderen in Reutlingen“.
Für die Christuskirche beginnt ein neues Kapitel. Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Reutlingen wandelt das Gebäude in ein Diakonisches Zentrum um – ein Ort, an dem Leben, Hilfe und Gemeinschaft zusammenfinden sollen. „Ein Denkmal der Empathie“, nannte es Dekan Marcus Keinath beim Spatenstich im Frühjahr 2025. Und tatsächlich: Was hier entsteht, ist sinnbildlich für das, was Kirche heute sein kann – offen, solidarisch und zugewandt.
Das Projekt knüpft an die Geschichte des Kirchengebäudes an und führt diese weiter. Schon der 1936 eingeweihte Bau war Ausdruck eines selbstbewussten Protestantismus und zugleich ein Kontrapunkt zu den Ideologien seiner Zeit. Jetzt, fast 90 Jahre später, soll das Gotteshaus Sinnbild gegen soziale Kälte und Ausgrenzung werden.
Geplant ist mehr als nur ein Umbau. Neben der denkmalgeschützten Kirche entstehen drei Neubauten mit rund 20 Wohnungen, Beratungs- und Gruppenräumen und einem Café. Auch die Reutlinger Vesperkirche wird hier künftig ihr Zuhause finden – barrierefrei, mit ausreichend Platz und kurzen Wegen für Gäste und Helfende.
Für das Viertel ist das ein Gewinn. Die Tübinger Vorstadt war lange ein Handwerkerquartier – bodenständig, solidarisch, überschaubar. Heute leben hier viele Menschen mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten: alteingesessene Familien, Zugewanderte, junge Leute, die günstigen Wohnraum suchen. In dieser Vielfalt steckt eine große Kraft, aber auch Spannung. Manche Alteingesessene fühlen sich fremd im eigenen Viertel, andere kämpfen mit sozialem Rückzug. Genau dort setzt der Diakonieverband Reutlingen als Betreiber des Diakonischen Zentrums an.
„Ich selbst habe erlebt, wie wichtig Orte der Begegnung sind. Wenn die Kirche an Sommerabenden ihre Türen öffnete und die Stimmen der Kinder bis hinaus auf die Straße drangen, war das gelebte Nachbarschaft“, erinnert sich Susanne Schöpfer. Diese Atmosphäre soll nun zurückkehren – erweitert um die vielen, die heute dazugehören: Menschen mit Behinderung, Geflüchtete, Ehrenamtliche, Seniorinnen und Senioren, Familien.
Diese Kirche war nie nur Stein. Sie war immer Herz. Jetzt schlägt es wieder – offen, warm und mitten in unserer Stadt.Susanne Schöpfer
Susanne Schöpfer
„Wenn ich die Baustelle heute betrachte, erinnere ich mich an meine Großmutter. Sie zeigte mir als Kind eine kleine, beschriftete Kassette an der Kirchendecke – das Datum eines Bombeneinschlags während des Krieges“, erläutert Susanne Schöpfer, und zeigt an die Kirchendecke. „Mein Großvater hatte es damals festgehalten, um zu zeigen: Wir haben überlebt. Heute wird wieder gebaut, nicht um die Vergangenheit zu verdecken, sondern um Zukunft zu schaffen.“
Die Verbindung von persönlicher Geschichte und gesellschaftlichem Auftrag macht das Diakonische Zentrum für Frau Schöpfer so bedeutungsvoll. Es bleibe ein geistliches Herz, mit offenem Charakter und als sozialer Treffpunkt. Dieses Zusammenspiel aus Bewahren und Erneuern erkennt sie in jeder Planungsskizze – vom Café in den Seitenschiffen bis zu den neuen Beratungsräumen hinter dem Altarraum.
Wenn der Umbau im nächsten Jahr fertiggestellt wird, wird die Christuskirche 90 Jahre alt sein. Genau am ersten Advent 2026 soll sie erneut eingeweiht werden – diesmal als Zentrum für alle. „Als Kind habe ich dort vor Jahrzehnten Kerzen angezündet“, so Susanne Schöpfer. „Heute sehe ich neue Lichter aufgehen – Lichter der Hoffnung, der Gemeinschaft und der Verantwortung füreinander.“