Nicht alle Menschen haben hierzulande ihr „täglich Brot“ – und dennoch gibt es in Deutschland Lebensmittel im Überfluss. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich für die Bedürftigen vor Ort. Der Diakonieverband Reutlingen unterhält vier Tafelläden. In Metzingen gab es vor kurzem Grund zum Feiern.
Der folgende Beitrag von Evelyn Rupprecht, SÜDWEST PRESSE, im Metzinger Volksblatt, vom 25.06.2026 entstand anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Tafelladens im Metzinger Milchhäusle und begleitete die damalige Ankündigung der Feierlichkeiten. Auch nach dem bereits begangenen Jubiläum vermittelt der Text eindrücklich die Bedeutung der Einrichtung, das Engagement der Ehrenamtlichen und die Entwicklung der Tafel über zwei Jahrzehnte hinweg.
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Metzingen. Seit 20 Jahren gibt es den Tafelladen im Milchhäusle. Das soll am Samstag mit einem Tag offenen Tür gefeiert werden.
Von Evelyn Rupprecht
Reife Erdbeeren und saftige Träuble, knackige Paprika und tiefrote Tomaten: Die Obst- und Gemüsekisten stapeln sich in dem weiß gefliesten Raum, in dem die Mittagshitze noch lange nicht ihre volle Wucht entfaltet hat. Und doch: Die Menschen, die hier arbeiten, haben alle diesen leichten Glanz auf der Stirn, der davon zeugt, dass sie nicht gerade frieren.
Hochkonzentriert kontrollieren sie die Lebensmittel, sortieren sie und teilen sie auf. Der Job, den die Frauen und Männer hier erledigen, ist ein ehrenamtlicher – und er ist extrem wichtig. Sie bereiten die Waren für den Tafelladen vor, der in wenigen Stunden öffnen wird. Schon jetzt ahnen sie, dass sich auch an diesem Freitagnachmittag eine lange Schlange vor dem Milchhäusle bilden wird, weil es immer mehr Menschen gibt, die bedürftig sind und sich den Einkauf in einem Supermarkt, beim Bäcker oder beim Metzger nicht leisten können.
Dass hier Lebensmittel angeboten werden, die vor dem Abfall gerettet werden, was der eigentliche Sinn der Tafel ist, ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Es ist ein Zusammenspiel, das seit 20 Jahren funktioniert, und das heute so notwendig ist wie damals, als es seine Anfänge nahm.
Susanne Bauer vom Diakonieverband denkt zurück an den 13. Juni 2006. „Auch damals, als wir den Laden eröffnet haben, war es sehr warm“, erzählt sie. Und sehr, sehr warm, ja richtiggehend heiß wird es auch am kommenden Wochenende, wenn das 20-jährige Bestehen der Tafel gefeiert wird. Am Samstag, 27. Juni, ist von 11 bis 14 Uhr ein Tag der offenen Tür, bei dem Metzingens Oberbürgermeisterin Carmen Haberstroh und Dr. Joachim Rückle, Geschäftsführer des Diakonieverbands, Reden halten und der Posaunenchor aufspielen wird.
Weil Kleiderladen und Kinderkörble, die ebenfalls im Milchhäusle untergebracht sind, mitfeiern, kann man auch dort die Räume erkunden und stöbern. Ein Kinderprogramm, einen Imbiss und Getränke wird’s ebenfalls geben – und reichlich Informationen über die Tafel und ihren Helfer-Trupp.
"Wenn einer mit 70 noch hier mitarbeitet, ziehe ich den Hut vor dem."Christa Reutter, Ehrenamtliche
Christa Reutter, Ehrenamtliche
Menschen, die etwas Gutes tun wollten, waren es auch im Jahr 2004, als die Idee für die Tafeln aufkam. „Nur wusste keiner, wie man so etwas aufbaut“, erzählt Susanne Bauer, die für die Diakonische Bezirksstelle hauptamtlich im Team ist. Über 40 Leute hatten sich damals spontan gemeldet, im Nu waren es 60, bald schon 70, die mitgearbeitet haben, als es darum ging, ein Konzept zu gestalten und beim Umbau der Räume im Milchhäusle, das ihnen die Stadt zur Verfügung gestellt hatte, zu helfen. Zwei Jahre später konnten sie dann loslegen – und das nach einem ausgeklügelten System, weil es zu dem Zeitpunkt schon die Nachbartafeln in Reutlingen und Bad Urach gab. An welchen Tagen es für die Metzinger Sinn ergab, ihren Laden zu öffnen, und wann sie ihre Waren bei welchen Supermärkten abholen konnten: All das musste abgeklärt werden.
Aber: Es hat von Anfang an funktioniert. Weil die Helfer der ersten Stunde vor allem Rentner waren, sind jetzt, 20 Jahre später, keine von ihnen mehr im Team. Menschen, die mit viel Energie, Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit dabei sind, gibt es aber bis heute zum Glück genügend. Derzeit sind es Rudi Moll, Helmut Auer, Albert Welz, Eckart Ruopp, Bernd Krieg, Erwin Maurer und Christa Reutter, die für die Organisation zuständig sind.
Wobei die Mitarbeitendengruppe noch deutlich größer ist. 74 Frauen und Männer engagieren sich für die Tafel, 24 Frauen sind im benachbarten Kleiderladen zugange. Sie sind in wechselnder Besetzung in der Vorbereitung, im Verkauf und als Fahrer eingesetzt. Waren es anfangs 300 Menschen mit 140 Kundenkarten, die in die Tafel kamen, sind es heute 711 Personen mit 240 Karten. Der Träger der Einrichtung, der Diakonieverband, hat noch detailliertere Zahlen parat. So werden 257 Kinder mitversorgt, gut acht Prozent der Kunden sind 70 Jahre und älter. Einige derer, die hier einkaufen, sind von Beginn an dabei. 140 Menschen aus 16 Ländern kommen Woche für Woche in die Räume in der Friedrichstraße 8. Die Hälfte von ihnen ist aus der Ukraine, 17 Prozent sind aus Syrien, 15 Prozent aus Deutschland.
Der Großteil der Kunden sind Bürgergeldempfänger. Der Job, den die Helfer tun, ist derweil „nicht gerade unanstrengend“, wie es Christa Reutter formuliert. „Kisten tragen, den Laden bestücken: Wenn da einer mit 70 noch dabei ist, ziehe ich den Hut vor dem“, lobt sie die Mitarbeitenden, die die globalen Ereignisse in dem kleinen Metzinger Laden immer hautnah zu spüren bekommen haben. Die Finanzkrise 2008 hat den Kundenstrom deutlich ansteigen lassen, auch die Flüchtlingskrise 2015 war eine enorme Herausforderung für das Team. „Aber es hat sich gut gefügt, wir haben längere Schichten gemacht, um alle, die bei uns angekommen sind, mitzuversorgen“, erzählen Reutter und Bauer.
Bis heute haben die Ehrenamtlichen aber auch noch mit ganz anderen Unwägbarkeiten zu kämpfen. 50 Mal fahren sie pro Woche 15 Supermärkte an – „und manchmal gibt es nur ganz wenige Waren, dann wieder unendlich viele“, berichtet Helmut Auer. Nur die Regale im Bäckerei-Bereich sind konstant gut gefüllt.
„Zum Glück“, sagt Susanne Bauer, „hat die Tafel über die Jahre aber auch viele Freunde gefunden, Menschen, die ihren Kofferraum vollladen und ihre Spenden zu uns bringen.“ Auch Geldspenden sind willkommen, weil es regelmäßig anfallende Kosten gibt. Gern gesehen sind übrigens auch neue Helfer, die sich einbringen wollen. Denn zu tun gibt es bei der Tafel immer genug. Auch im 20. Jahr ihres Bestehens.
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Mittwochs und freitags geöffnet
Wer eine Berechtigungskarte hat, kann mittwochs und freitags bei der Tafel einkaufen, die ihre Kunden allerdings in 30-Minuten-Slots einteilt.
Wer sich im Helfer-Team engagieren möchte, kann sich bei Susanne Bauer von der Diakonischen Bezirksstelle unter Telefon (07123) 15241 melden.