Das Projekt „Demokratie vor Ort, für Teilhabe, Dialog und Vielfalt im ländlichen Raum“ setzt genau hier an: Es schafft Räume, in denen zugehört wird – und in denen neue Dialoge entstehen.
Seit Anfang diesen Jahres kommen durch die Teilnahme des Diakonieverbandes Reutlingen am Projekt des Evangelischen Fachverbandes für Arbeit und soziale Integration (EFAS e.V.) Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen zusammen: Ehrenamtliche, die unsicher sind, wie sie auf schwierige politische Äußerungen reagieren können, Hauptamtliche, die Spannungen in Beratungen und anderen Arbeitsfeldern wahrnehmen, oder Gruppen, die sich mit Themen wie Menschenrechten und Demokratie auseinandersetzen möchten. Am Anfang steht fast immer dasselbe: der Wunsch wahrgenommen und gehört zu werden.
Florian Hecht, der im Projekt mitarbeitet, beschreibt es so: „Wenn jemand merkt, dass seine Irritation ernst genommen wird, dann entsteht Vertrauen. Erst dann können wir gemeinsam überlegen, was ein nächster Schritt sein könnte.“
Zuhören heißt in diesem durch Projekt auch, unterschiedliche Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen. In vielen Gesprächen zeigt sich: Hinter einer zugespitzten politischen Äußerung stehen häufig Unsicherheiten, eigene Verletzungen oder der Wunsch, gesehen zu werden. Sie werden nicht entschuldigt – aber sie werden wahrgenommen. Das macht einen Unterschied.
Ganz zu Beginn des Projektes hatte Rebecca Hummel, Amtsleiterin Bildung, Soziales und Ordnungsamt, ins Münsinger Rathaus zu einem Fachgespräch eingeladen. Hier kamen Mitarbeitende aus verschiedenen sozialen Bereichen zusammen, um Erfahrungen zu bündeln: Wo erleben wir Spannungen? Wo tauchen demokratiefeindliche Haltungen auf? Wo fühlen wir uns sprachlos? Welchen Entwicklungen und Herausforderungen sollen und können wir etwas entgegensetzen. Am Ende waren sich alle einig: Demokratie zu stärken ist eine gemeinsame Aufgabe im Sozialraum.
Eine weitere Veranstaltung fand Mitte Juni in der Zehntscheuer in Münsingen statt. Dort stellte die aus Russland stammende Journalistin Ira Peter ihr Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ vor. Ihre eigene Geschichte von Ausgrenzung, Mut und Verantwortung stieß auf großen Anklang bei den Zuhörenden. Nach der Lesung blieben viele sitzen, erzählten von eigenen Erlebnissen und hörten einander zu. „Es war sehr gut zu spüren, wie emotional das Thema für viele war“, erzählt Ina Kinkelin-Naegelsbach, die die Bezirksstelle Münsingen im Diakonieverband leitet und federführend am Projekt beteiligt ist. „Gerade Russlanddeutsche haben ihre eigene Geschichte oft nicht aufgearbeitet und haben viel Scham und das Gefühl von Ausgegrenztheit erlebt.“
Aufmerksam zuhören, nachfragen, unterschiedliche Positionen aushalten. All das wird in solchen Veranstaltungen erlebbar. Menschen erfahren, dass sie nicht allein sind mit ihren Fragen und Erlebnissen. Gleichzeitig hören sie andere Sichtweisen, andere Biografien, andere Zugänge zu Demokratie und Menschenrechten. Oft entsteht genau an dieser Stelle etwas Neues.
Dass das Interesse für dieses Thema auch in der Bevölkerung groß ist, zeigt eine Veranstaltung, die bereits im Sommer 2025 zwei Tage lang auf dem Münsinger Rathausplatz stattfand, das Demokratiefest. Vom Bündnis für Menschenrechte Münsingen organisiert, kamen Mitarbeitende des Diakonieverbandes Reutlingen mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch. Diese konnten auf Papiertischdecken aufschreiben, was Demokratie und Menschenrechte für sie bedeutet.
„Es war richtig klasse zu sehen, was für bunte Bilder dabei entstanden sind“, fasst Ina Kinkelin-Naegelsbach zusammen. „Und genauso bunt wie diese Bilder sind unsere Gesellschaft und die darin vertretenen Meinungen. Doch da, wo manche Meinungen die Demokratie gefährden, braucht es vor allem Bildung und Begegnung sowie den Mut, Stellung zu beziehen und verzerrten Wahrnehmungen mit Ernsthaftigkeit und Aufklärung zu begegnen.“
Im Herbst sind zwei weitere Veranstaltungen geplant, zu denen der Diakonieverband Reutlingen rechtzeitig informieren und einladen wird.
Gefördert wird das Projekt durch das Bundesinnenministerium im Rahmen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“ und durch die Lechler-Stiftung.