Aufsuchende Suchtberatung: Damit niemand durchs Raster fällt

Die aufsuchende Suchtberatung des Diakonieverbands Reutlingen unterstützt im Landkreis Tübingen ältere und mobil eingeschränkte suchtkranke Menschen direkt in ihrer Wohnung. Sie stabilisiert in Krisen, vernetzt Hilfen und sorgt dafür, dass Betroffene nicht einsam mit ihrer Sucht und ihren Sorgen zurückbleiben.

Die aufsuchende Suchtberatung richtet sich vor allem an ältere Menschen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen, psychischer Beeinträchtigungen oder starker Überlastung nicht mehr selbst in eine Beratungsstelle kommen können. Stattdessen kommt die Fachkraft zu den Betroffenen nach Hause und bietet dort Suchtberatung an – wie in der Beratungsstelle, aber barrierefrei und im vertrauten Umfeld, das baut Hürden ab. Altersgrenzen werden bewusst flexibel gehandhabt, wenn Menschen aufgrund ihrer Suchtgeschichte diesen Dienst benötigen und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mobil sind. Manchmal findet sich so der Weg wieder in ein gesünderes Leben und einige werden sogar wieder arbeitsfähig.

Mehr als Suchtberatung: der Blick auf die ganze Lebenssituation

Bei Hausbesuchen wird schnell deutlich, wie es den Menschen insgesamt geht: ob der Alltag noch funktioniert, ob Verwahrlosung droht, ob Mietkündigungen, Stromsperren oder andere existenzielle Probleme anstehen. Häufig liegen sogenannte „Multiproblemlagen“ vor – dann geht es zunächst um ganz grundlegende Stabilisierung, etwa bei der Wohnsituation, Behördenkontakten oder medizinischen Abklärungen. 

Erst wenn das Nötigste gesichert ist, können Betroffene sich überhaupt erst auf das Thema Sucht einlassen. Die aufsuchende Suchtberatung versteht sich dabei nicht als dauerhaftes Wohnhilfe-Angebot, sondern als kurzfristige, gezielte Unterstützung mit passgenauer Weitervermittlung an die vorhandenen begleitenden Dienste.

„Wir sehen den Menschen hinter der Sucht, mit seinen Leistungen und Qualitäten, und stellen dies in den Vordergrund.“

Kathrin Mühleck

Der Einstieg in die Hilfe erfolgt behutsam, denn viele Betroffene kommen auf Druck von Angehörigen oder Ärztinnen und Ärzten und haben wenig Erfahrung mit dem Suchthilfesystem. 

Den Schritt zu gehen, zu sagen: 'Ich habe da ein Thema, und das ist ein Krankheitsbild, das mich betrifft', ist für viele sehr groß, berichtet Kathrin Mühleck. Aber gerade im Alter, wenn man ein Leben lang 'nur' sein tägliches Gläschen Wein hatte, kann es irgendwann verrutschen: „Es gibt Menschen, die hatten immer Aufgaben und eine sinnstiftende Tätigkeit, gehen dann in Rente, die Kinder sind aus dem Haus, und plötzlich stellt sich die Sinnfrage. Wenn dann noch der soziale Rückzug stattfindet und man allein mit dem Alkohol zuhause sitzt, stellen sich viele die Frage: ‚Wofür lohnt es sich überhaupt noch, vom Alkohol loszukommen?‘ Das ist im Alter bei vielen ein großes Thema.“

Im ersten Kontakt geht es dann darum, Vertrauen aufzubauen, Ziele offen zu besprechen und die Menschen nicht mit Forderungen nach sofortiger Abstinenz zu überrollen. Die Beratung ist zieloffen: Ob Reduktion, vorübergehende Abstinenz oder weiterführende Behandlung – entscheidend ist, dass die Ziele gemeinsam entwickelt und realistisch sind. Gleichzeitig bleibt das Thema Sucht klar benannt: Ausweichbewegungen werden angesprochen, ohne Vorwürfe und ohne moralischen Zeigefinger, immer mit dem Blick auf den Menschen hinter der Erkrankung.

Im Ehrenamt mit der eigenen Geschichte: Bürgerschaftlich Engagierte

Ein besonderer Baustein in der aufsuchenden Suchtberatung, mit der im Landkreis Tübingen zwischen 50 und 70 Klientinnen und Klienten erreicht werden, ist die Zusammenarbeit mit bürgerschaftlich Engagierten, erzählt Andreas Kiemle. „Das sind ehemals Betroffene die seit vielen Jahren abstinent leben und eine Ausbildung zur Suchthelferin oder Suchthelfer gemacht haben.“ Sie begleiten Klientinnen und Klienten zum Einkauf, zu Ärzteterminen oder zu Gericht, führen eigenständig Gespräche auf Augenhöhe und bieten den Betroffenen eine andere Perspektive an.

„Unsere bürgerschaftlich Engagierten wissen aus eigener Erfahrung, wie sich Sucht anfühlt – diese Perspektive kann keine Fachkraft ersetzen.“

Andreas Kiemle

Für ältere Menschen, die Selbsthilfegruppen aus Mobilitätsgründen oder Scham nicht aufsuchen können, entsteht so ein niedrigschwelliger Zugang zum Austausch mit einem anderen Betroffenen. Gleichzeitig erleben die Engagierten ihr Engagement als Möglichkeit, „etwas zurückzugeben“ und die eigene Abstinenz immer wieder bewusst zu reflektieren.

Gruppe für Ältere: Aus der Isolation zurück ins Leben

Neben den Hausbesuchen wird eine Gruppe für ältere Menschen mit Suchtproblemen angeboten – inklusive Abholdienst von zu Hause und Rückfahrt. Dort finden die Teilnehmenden langfristige Stabilisierung, Gemeinschaft und einen geschützten Rahmen, in dem es nicht immer nur um Sucht gehen muss. Häufig stehen Alltagsfragen, Sorgen und das Erleben von Einsamkeit im Vordergrund. Die Gruppe hilft, soziale Isolation zu durchbrechen und neue Kontakte zu knüpfen. Auch nach einer Stabilisierung oder langjähriger Abstinenz bleibt die Gruppe ein wichtiger Anker, der im Krisenfall schnell wieder den Weg zur Fachkraft eröffnet.

„Ein Magic Moment ist, wenn jemand merkt: Meine Familie hat mich doch noch nicht abgeschrieben – und das Leben kann wieder lebenswert werden.“

Peter Eisenhardt

Die Arbeit gleicht oft einer „Wundertüte“: Manchmal geht es um ganz praktische Hilfe auf einem Hof – etwa, wenn gemeinsam Trauben von der Scheune geschnitten werden, damit ein älterer Mann nicht aus der erlebten Überforderung wieder zum Alkohol greift.

Ein anderes Mal erlebt ein Paar nach langer Trennung beim Besuch eines Tanzcafés den ersten gemeinsamen Tanz seit Jahrzehnten. Die Ehefrau, die als nicht trinkende Partnerin das gemeinsame Haus verlassen hatte, war nach Monaten zurückgekehrt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Veränderung möglich ist. 

Oft sind es kleine Gesten, die Großes bewirken: Wenn es eine Klientin stolz wieder schafft, Tee anzubieten oder ein demenziell erkrankter Mensch die Beraterin nach Wochen sofort erkennt und sich sichtlich freut. Solche Momente machen erlebbar, wie viel an Lebensqualität zurückkehren kann, wenn in der aufsuchenden Suchtberatung die Hilfe die Menschen wirklich erreicht.

Kurze Wege und kaum Hürden: Zugang ohne Antrag und Wartezeit

Ein zentrales Merkmal des Angebots: Es gibt keine langen Antragsverfahren, keine komplizierten Formulare und in der Regel nur kurze Wartezeiten. Oft liegen zwischen dem ersten Anruf und dem persönlichen Kennenlernen nur wenige Tage. Die Beratung ist kostenfrei, vertraulich und wird bei Bedarf mit anderen Hilfen im Landkreis Tübingen vernetzt – von Sozialdiensten über Pflege bis zur Psychiatrie. So entsteht ein tragfähiges Netz, das verhindert, dass ältere suchtkranke Menschen durch alle Raster fallen.

„Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit im Suchthilfesystem der Aufsuchenden Suchtberatung bildet die Öffentlichkeitsarbeit, Prävention und Fachberatung“, ergänzt Bereichsleiter Peter Eisenhardt. Das Team bietet dafür unter anderem in Altenpflegeeinrichtungen, in denen Suchtmittelkonsum immer wieder Thema ist, Schulungen an – sowohl für Betroffene als auch für Pflegeteams: „Wie geht man mit welchem Konsum um? Was sind mögliche Wege heraus?“ Daneben gibt es Vorträge zum Thema Sucht im Alter sowie halbtägige Schulungen für Auszubildende in der Pflege.

Info-Flyer Aufsuchende Suchtberatung (PDF)